Unsere ans Stromnetz angeschlossene Küchenuhr blieb auf 8.23 Uhr stehen, als die Katastrophe begann. Plötzlich war alles aus. Das Oberlicht, das Fernsehen, die Spülmaschine, der Eisschrank. Nur das Telephon ging noch. Aber das hatte für uns keine Bedeutung, weil die Leitung von diesem Augenblick an völlig überlastet war. Denn alle hatten in unserem Stadtteil den gleichen Wunsch: beim Elektrizitätswerk nachzufragen, was los sei an diesem Mittwochmorgen in Hamburg-Othmarschen. Frau S. hielt noch um 8.35 Uhr die Hand am Hörer, ohne durchzukommen. Die Nachbarin kam an die Haustür, um zu fragen, ob wir auch...? Die Autobesitzer hatten Sorgen, nicht aus der Tiefgarage herauszukommen, weil sie nicht wußten, ob unsere flutsichere Tür auch per Hand zu öffnen sei. Einige Nachbarn meinten, daß auch die Gasheizung nicht mehr richtig funktioniere. Und schließlich hatte ich größte Bedenken, zur Toilette zu gehen, weil ich fürchtete, auch die auf Kippschalter eingestellte Wasserspülung könnte ans Stromnetz angeschlossen sein.

So war also bei uns die „Stunde der Wahrheit“ gekommen, denn es war etwas passiert, was eigentlich nicht hätte passieren dürfen: Stromausfall für den ganzen Bezirk.

Oben, an der Elbchaussee, kamen die Autos nicht mehr heraus aus der Nebenstraße, weil die Ampeln ausgefallen waren. „Power“ war die Parole, das Recht des Stärkeren setzte sich durch. Wer von der Seite kam, mußte schon die Lücke abpassen, die sich in der morgendlichen Rush-hour immer nur für Sekunden auftat.

Das ging so lange schlecht, bis einer am Steuer seines Lastzugs die Schnauze voll hatte. Er fuhr einfach los und stellte sich quer zum fließenden Verkehr auf der Hauptstraße. Die Mehrheit mußte innehalten, die Minderheit kam zum Zuge: Im Sog des Lasters kamen auch die Kleinen voran.

An der Tankstelle, Ecke Elbchaussee/Hohenzollernring, kaufe ich täglich meine Zeitungen. Ich kenne sie alle, die an der Kasse stehen. An diesem Mittwoch war ich kurz vor neun Uhr da. Die Kasse funktionierte nicht, natürlich nicht: kein Strom. Und nun mußte die Frau Tankwartin auf einem Stück Papier zusammenzählen, was sie sonst mit einem Knopfdruck zu ermitteln pflegt. „Wie gut“, sagte sie, „daß ich das gelernt habe.“

Kurz nach neun Uhr war der Spuk vorbei. Das Oberlicht ging wieder und auch der Fernseher. Der eingefrorene Schweinebraten war nicht aufgetaut. Die Spülmaschine sprang wieder an.

Nur mit der Küchenuhr bekamen wir Schwierigkeiten. Sie ging nicht mehr richtig. Wir mußten nachstellen. Dabei hatten wir zu wählen zwischen Aufschriften wie „Time Set“, „Alarm Set“, „Run“, „Buzzer“, „Snoop“ und „Sleep“.

Nun wissen wir endlich auch bei uns in der Küche, weshalb Vorsorge getroffen werden muß, damit sich eine derartige Katastrophe nicht wiederholt. Gerhard Seehase