Von Georg Wagner

Es war Ende der siebziger Jahre in einem Seminar für Kriminologie. "Warum gibt es eigentlich Gefängnisse?" fragte mich einer der Studenten. "Gefängnisse gibt es, weil es Universitäten gibt." Die Antwort enttäuschte.

Daß alle möglichen, auch durchaus gegensätzliche öffentliche Einrichtungen einander bedingen, ist eine Binsenweisheit. Ähnlich einem ungeheuren Gewächs treibt jede Gesellschaft eine Vielfalt von Institutionen hervor, in denen arm und reich, Macht und Ohnmacht, alle möglichen Tätigkeiten gebunden sind: Fabriken, Schulen, Banken... Nicht, daß es so ist, erscheint bemerkenswert. Es kommt auf die tatsächlichen Lösungen an, auf das Gefälle der Privilegien, des Besitzes und der Lasten; darauf, wie Gesellschaft und Strafvollzug zueinander stehen.

Für das Lösungsdenken der sechziger und siebziger Jahre war die Frage der Studenten typisch. Diskussionen gingen an den Rand der Dinge. Das Gefängnis wurde nicht als naturgegeben hingenommen. Nach Jahrzehnten der Konsolidierung gestattete sich die bundesrepublikanische Gesellschaft, ihre innere Verfassung, die Verteilung der Privilegien, die Existenz ihrer Randgruppen vor allem, in Frage zu stellen. Soziale Unterschiede wurden als politische Provokation erlebt. Man sprach oft und gern von "Unterprivilegierten", ein Wort, das aus der Mode gekommen ist.

Unterprivilegierte – so sah man es – fielen ungewöhnlich häufig totalen Institutionen anheim: als Kinder und Jugendliche den Erziehungsheimen, als seelisch Behinderte den Nervenheilanstalten, als kriminell Auffällige den Strafanstalten. Reformbestrebungen wandten sich diesen Bereichen zu. In das Umfeld paßt das Wort des damaligen Bundespräsidenten Heinemann vom Strafgefangenen als "Staatsbürger hinter Gittern".

Diese Zeiten sind fürs erste vorbei. Neuesten Meldungen zufolge ist die Zahl der Befürworter der Resozialisierung von Straftätern drastisch gesunken, von 61,2 Prozent im Jahre 1975 auf 47,5 Prozent 1987. Immer mehr Bundesbürger wollen Straftäter zur Sühne und Abschreckung hinter. Gittern sehen. Betrachtete man vor zehn Jahren den abschreckenden Strafvollzug als Rückfallursache, so sind es heute die Lockerungen der Freiheitsstrafe wie Ausgang, Urlaub und Arbeit von Gefangenen außerhalb der Mauern, die viele als Grund für neue Straftaten von Vorbestraften anführen.

Strafvollzug einmal so, einmal anders. Das, was eine Zeitlang richtig war, soll heute gerade das Falsche sein. Dieser Ablauf ist weder einmalig, noch auf das hiesige Gefängniswesen beschränkt. Ähnliches ereignete sich in den USA. Vollzugsrecht und -praxis pendeln zwischen Extremen, zwischen dem Wegsperren der Schuldbeladenen und dem Bestreben, strafrechtlich Verurteilte zu befähigen, "künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen" (so Paragraph 2 des geltenden Strafvollzugsgesetzes).