Von Dirk Kurbjuweit

Ludwigshafen

Wie ausgestorben wirkt der Bahnhofsplatz, als hinge eine Ausgangssperre über Ludwigshafen. Doch Ruhe ist hier der Normalfall. Aufruhr und Notstand finden stets anderswo statt – nun ausgerechnet in der Partnerstadt Sumgait in Aserbaidschan, wo Armenier gequält, zu Hunderten getötet wurden. Den Taxifahrer bringt das nicht aus der Ruhe. "Mal knallt’s hier, mal knallt’s da", sagt er gelassen.

Im Regionalfernsehen wird es am Abend so aussehen, als interessierten sich die Ludwigshafener für das, was in ihrer Partnerstadt passiert. Doch das ist Illusion. Denn der Kameramann hat die Besucher einer Diskussion mit Exil-Armeniern gebeten, enger zusammenzurücken, damit das Nebenzimmer im Pfalzbau nicht so leer wirkt. Die meisten der wenigen Besucher waren Armenier. Nur eine Handvoll Deutscher war gekommen, in der Mehrzahl Kommunalpolitiker und Journalisten, die professionelles Interesse hergeführt hatte. Doch für die Fernsehzuschauer war das ja nicht erkennbar, und so konnte der Kameramann wohl ein bißchen von der Illusion verkaufen.

Nicht einen Leserbrief hat Günter Bohley, Lokalchef der Rheinpfalz, bekommen. Pfarrer Theodor Mühlacker konnte kein besonderes Interesse der Gemeindemitglieder ausmachen, deshalb hat er in seinen Predigten das Thema Sumgait nicht angeschnitten. Siebenhundert Ludwigshafener waren schon in der Partnerstadt. Da sich dennoch nichts regt, ist anzunehmen, daß auch diese Partnerschaft nicht aus den Herzen der Bürger kommt, sondern Sache der Funktionäre ist. Oder sollte nur pfälzische Behaglichkeit Regung verhindern?

Hans-Peter Demmer, endlich, ist interessiert, aber bei ihm bringt es der Beruf mit sich; Demmer betreut die Partnerstädte von Ludwigshafen. Sein Büro im 15. Stock des Rathauses hat er vollgepackt mit Andenken aus Pasadena (USA), Lorient (Frankreich), Havering (Großbritannien) und Sumgait. Von dort kommt, ausgerechnet, eine große stilisierte Friedenstaube.

Demmer verhält sich wie ein Mann, der erfahren mußte, daß sein bester Freund schwere Schuld auf sich geladen hat. Nun macht er sich daran, Entlastungsmaterial zu sammeln, denn er will die Freundschaft nicht aufkündigen müssen. In der Frankfurter Rundschau ist er fündig geworden. In einem einstündigen Gespräch zitiert Demmer dreimal einen Artikel, in dem berichtet wird, daß Aserbaidschaner in Sumgait ihre armenischen Nachbarn vor dem Pöbel verborgen haben. Demmer gibt das Hoffnung, daß er an dieser Freundschaft festhalten kann. Er wirkt gequält; immer hat alles so prima geklappt, zum Beispiel der schöne Städtevergleich im Fernschach, und nun das.