Kein Politiker, kein Unternehmer, kein Interessenvertreter kann es sich in der Bundesrepublik ungestraft leisten, gegen den Wettbewerb zu plädieren. Er ist als zentraler Bestandteil der Marktwirtschaft und damit als Grundlage des Wirtschaftens anerkannt. Nur: Wenn dem einzelnen die Konkurrenz zu hart wird, dann gilt das hehre Prinzip nicht mehr viel, und der Ruf nach staatlichem Schutz läßt in aller Regel nicht lange auf sich warten.

Der Einzelhandel ist ein prägnantes Beispiel dafür. Da ist angeblich die Marktwirtschaft zur brutalen Machtwirtschaft degeneriert. Der CDU-Abgeordnete Winfried Pinger sieht bereits „Catch-ascatch-can-Wettbewerb mit Wildwestmethoden jenseits von Chicago“. Seine Vision ist erschreckend: In ein paar Jahren bestimmt ein halbes Dutzend Unternehmen des Einzelhandels, „was im Kochtopf der Hausfrau ist“. Dagegen hilft nur eins: Der Gesetzgeber muß eingreifen.

So fordern das seit Monaten Mittelstandssprecher und CDU-Abgeordnete, und die Neigung der Bundesregierung, diesen Klagen Gehör zu schenken, wächst. Im Bundeswirtschaftsministerium prüft eine „Arbeitsgruppe Wettbewerbsrecht“ die Frage, ob das gegenwärtige Kartellrecht noch auf dem Stand der Zeit ist. Wahrscheinlich wird die Folge dieser Prüfung eine Novellierung des GWB, des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen, noch in dieser Legislaturperiode sein – und zwar primär zum Schutz des Handels.

Es ist unbestreitbar, daß die Konzentration im Einzelhandel, vor allem im Bereich Lebensmittel, stärker geworden ist. Der halbe Umsatz der Branche entfällt heute auf die zehn größten Konzerne des Lebensmittel-Einzelhandels. Richtig ist auch, daß das Bundeskartellamt keine ausreichende Handhabe hat, um diese Entwicklung zu bremsen oder gar zu stoppen. Offen ist dagegen die Frage, ob diese Konzentration den Wettbewerb beeinträchtigt, also aus ordnungspolitischer Sicht schädlich ist.

Das Grundprinzip hat Wirtschaftsminister Martin Bangemann so formuliert: „Die Wettbewerbspolitik und das Wettbewerbsrecht haben nicht die Aufgabe, die Wettbewerber zu schützen; sie sollen den Wettbewerb schützen.“ Wenn das gilt, dann ist im Einzelhandel keine Gefahr im Verzug. Denn daß gerade in dieser Branche in einem voraussehbaren Zeitraum ein wesentlicher Wettbewerb fortbestehen wird, halten alle Fachleute für gesichert.

Wenig Grund gibt es auch zu der Sorge, eine fortschreitende Konzentration könnte höhere Preise zur Folge haben. Genau das Gegenteil ist der Fall. Nicht die „Schlafmützenkonkurrenz“ vieler kleiner Tante-Emma-Läden, die sich gegenseitig nicht ins Gehege kommen, sorgt für günstige Preise, sondern der Kampf der Supermärkte um jeden Kunden. Dabei ist die Konzentration im Handel hierzulande noch längst nicht auf dem Niveau, das in den USA erreicht ist. Und auch dort (so der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft) sind trotz annähernd doppelt so starker Konzentration die Gewinnspannen nicht höher als in der Bundesrepublik.

Auch das Argument, ohne die Vielzahl kleiner Läden sei die Versorgung der Bevölkerung nicht gesichert, ist nicht haltbar. In vielen Orten ist die Versorgung durch ambulante Händler längst zur Routine geworden. Einkaufszentren in Stadtnähe bieten vielen Pendlern eine praktischere (und preisgünstigere) Quelle der Versorgung als der traditionelle Krämer.