Von Reinhard Baumgart

Im Goethejahr 1949, in dem Thomas Mann mit Vorträgen die beiden Teile Deutschlands festlich bereist, blättert im östlichen Berlin auch sein großer Feind und Antipode Brecht in den Texten des zweihundertjährigen Weimarer Kollegen. Er gerät in den "Wilhelm Meister" und ist beides, sowohl erstaunt wie empört: "diese bücher wurden uns auf der schule verleidet, indem sie von den langweiligsten menschen in der langweiligsten weise gerühmt wurden, wie konnte man vermuten, daß ein roman, den die deutschlehrer, diese geschlechtslosesten aller wesen, uns aufdrängten, etwas enthalten könnte wie die szene, in der philine ihre pantöffelchen vor das bett des beiden stellt, damit er glaube, sie liege in seinem bett, ahnend, dies könnte ihn verstören, müßte ihn aber vorbereiten auf ihren wirklichen besuch?" Und Brecht beschließt seinen Unmutsausbruch mit dem kategorischen Satz: "die deutschlehrer haben sich mit ihren langen bärten vor das einzige ruhelager der Sinnlichkeit der deutschen literatur gestellt!"

Etwas Ähnliches, wenn auch sicher nicht das gleiche, ist den Werken Thomas Manns geschehen. Wann immer über sie geredet, geschweige denn geschrieben wird, hören wir von Judentum, Deutschtum, Künstler- und Bürgertum, von Dionysos und asketischen Idealen, von Lübeck, Venedig, Theben und vom Odeonsplatz, von Gottesferne, Ironie, Transzendenz oder deren Fehlen, von Hermes und Hitler, von Eichendorff, Fontane, Freud und Leitmotiven, von Strukturalismus und Antisemitismus – und das alles, könnte Thomas Mann nun in der Maske des Kellners Mager im Weimarer Hotel "Elephant" beteuern: Das alles, was wir anläßlich seines Werkes hören, sei überaus "buchenswert".

Dieses Gebuchte verdeckt aber doch – wie die "deutschlehrer mit ihren langen bärten" – viel, wenn nicht alles von der sinnlichen Erscheinung des Mannschen Erzählens. Zu schnell, zu beflissen haben die Interpreten dieses Autors seinem eigenen Drang nachgegeben, alles Konkrete zu füllen – um nicht zu sagen: aufzublasen – mit Bedeutung. Die Folge: Gerade das Offensichtliche wird übersehen.

Denn offensichtlich erzählt hat Thomas Mann doch eine lückenlose Folge von Liebes-, von Passionsgeschichten, vom kleinen Herrn Friedemann und Gerda von Rinnlingen, von Spinell und Gabriele Klöterjahn, von Imma Spoelmann und ihrem weltfernen Prinzen, von Aschenbach und dem mit seiner Schönheit zum Tode verführenden Knaben Tadzio, vom mittelmäßigen Hans Castorp und seiner slawischen "warmen Katze", also Madame "Chauchat", von der rasenden Mut und dem keuschen Joseph, von inzestuösen Geschwisterpaaren, verratenen Liebhabern und am Ende auch von einer glücklich in Tod und Leben und einen sportlichen amerikanischen Hauslehrer verliebten rheinischen Dame jenseits der Wechseljahre.

Ja, noch auf der letzten, zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Erzählseite, in den Schlußsätzen des "Felix Krull", stürzt sich eine mächtige Portugiesin, Mutter Natur und weiblicher Stier, mit "Holé! Heho! Ahé!" auf ein Männchen, das den Überfall etwas gepflegter, und konventioneller ausdrückt als sie: "Und hoch... sah ich unter meinen glühenden Zärtlichkeiten den königlichen Busen wogen."

Diese Szene, Thomas Manns letzte, aus seinem achtzigsten Jahr, ist "buchenswert" insofern, als dieses mächtige portugiesische Fleisch unter sich auch begräbt, was erotisch genannt werden kann in diesem lebenslangen Erzählen. Denn von Vereinigung, "unbewußt, höchste Lust", kann der Erotiker nur träumen. Sein Feld ist das Vorspiel. Er braucht, wie immer gering, die Distanz zum geliebten Gegenstand, um das Spiel der Annäherung oder Entfernung, die Erkundung des nicht oder noch nicht Erlaubten, um seine Belagerung durch Blicke, Gesten, Worte betreiben zu können.