Erotisch sind gleich die ersten Seiten erzählende Prosa, die der Achtzehnjährige in dem schöngeistigen Lübecker Blättchen Der Frühlingssturm drucken ließ, eine Prosaskizze unter dem Titel "Vision", die in charakteristischer Jugendmischung beides ist, cool und schwül, die mit einer lässig gedrehten Zigarette einsetzt und verendet in den Sätzchen: "Du liebtest mich doch ... Und das ist es, warum ich nun weinen kann."

Ein Stück von eleganter Unselbständigkeit, so mag der Literarhistoriker befinden, décadence mit süßlich Wiener Einschlag. Aber auf ihrem Höhepunkt fällt der Blick dieser "Vision" aus kostbarlicher Sprache auf eine Mädchenhand: "Träumerisch und regungslos ruht die Mädchenhand. Nur da, wo sich über ihr mattes Weiß weich eine hellblaue Ader schlängelt, pulsiert Leben, pocht Leidenschaft langsam und heftig. Und wie es meinen Blick fühlt, wird es rascher und rascher, wilder und wilder, bis es zum flehenden Zucken wird. Laß ab..."

Lichtbraunes Haar, mattweiße Stirn

Hände, Arme, männlich, weiblich, sehr jung oder schon hinfällig, werden wir im Mannschen Erzählwerk immer wieder auftauchen sehen und immer als lockende Signale, beobachtet mit melancholisch sehnsüchtigen eher als mit gierigen Blicken. Segmentierung des Körpers, der isolierte Teil als Signal fürs Ganze –, schon daran erkennt man einen erotischen Tick, eine erotische Strategie. Aber in den Mannschen Erzählungen von der Jahrhundertwende erinnern solche Sprachblicke auch an die Mode der Zeit, die wenig Haut und Fleisch freilegte, nämlich nur Gesicht, Schultern, Hals, Hände und bestenfalls eben ein Fragment Arm. Figur und Körper ließen sich, üppig verhüllt, nur ahnen. Kein Wunder, daß die Frauenbilder in der Prosa aus den ersten Münchener Jahren gerade leben von der Spannung zwischen übergenauen, pedantischen Details und einem mehr oder minder lüstern verschleierten Ganzen.

-Ihr lichtbraunes Haar, tief im Nacken zu einem Knoten zusammengefaßt, war glatt zurückgestrichen, und nur in der Nähe der rechten Schläfe fiel eine krause, lose Locke in die Stirn, unfern der Stelle, wo über der markant gezeichneten Braue ein kleines, seltsames Äderchen sich blaßblau und kränklich in der Klarheit und Makellosigkeit dieser wie durchsichtigen Stirn verzweigte. Dies blaue Äderchen auf der Stirn über dem Auge beherrschte auf eine beunruhigende Art das ganze feine Oval des Gesichts.

–Die Hautfarbe ihres ovalen Gesichts war mattweiß, und in den Winkeln ihrer ungewöhnlich nahe beieinanderliegenden braunen Augen lagerten bläuliche Schatten... ob aber ihr Mund schön war, konnte man nicht erkennen, denn sie schob unaufhörlich die Unterlippe vor und wieder zurück, indem sie sie an der Oberlippe scheuerte.

Frauen wie erotische Stilleben