Von Willi Jasper

Judenpresse" – so lautete ein beliebtes Schlagwort rechtskonservativer Kreise in der Weimarer Republik. Gemeint waren vor allem die großen bürgerlich-liberalen Blätter Berlins, die von Juden verlegt und redigiert wurden, wie das Berliner Tageblatt im Mosse-Verlag und die Vossische Zeitung bei Ullstein. Der von der nationalen Rechten wohl meistgehaßte Journalist war Theodor Wolff, denn er war Jude, einflußreicher Publizist und demokratischer Politiker. Wenn Theodor Wolff in sein Haus einlud, dann drängten sich Minister und Diplomaten. Als Chefredakteur des Berliner Tageblatt galt er siebenundzwanzig Jahre – seit 1906 – als Institution, auf deren Stimme nicht nur in Deutschland gehört wurde. 1933 zählten Theodor Wolff und andere prominente jüdische Journalisten, wie Georg Bernhard (Vossische Zeitung) oder Leopold Schwarzschild (Tage-Buch), zu den ersten, die ins Exil mußten.

Nach Machtantritt der Nationalsozialisten wurden die etwa 500 000 Juden in Deutschland aus der "Volksgemeinschaft" verstoßen und in eine Ghettoexistenz getrieben. Ihr Wille zur Selbstbehauptung verwirklichte sich im Aufbau eines relativ autonomen jüdischen Kulturlebens. Weitgehend unbekannt ist heute die Tatsache, daß unter dem Naziregime bis Ende 1938 eine jüdische Presse existierte, die sich so bezeichnete, und mit 65 Zeitungen und Zeitschriften eine monatliche Gesamtauflage von etwa einer Million Exemplaren erreichte. Über diese "Publizistik im Ausnahmezustand" liegt jetzt erstmals eine umfassende Untersuchung vor.

Der Autor, 1939 in Berlin geboren, lebt heute in Jerusalem als Publizist und Autor (u.a. "Jüdisches Theater in Nazideutschland") und arbeitet als Israel-Korrespondent der Frankfurter Rundschau. "Niemand ist aufgerufen, zu Gericht zu sitzen, weder die Zeugen noch die Historiker", schreibt er im Vorwort. "Wir können die Dinge nur zeigen, wie sie waren."

Hitlers Ziel war es, Deutschland "judenrein" zu machen. Der "Juden-Boykott" (im April 1933), die "Nürnberger Rassengesetze" (1935) und die "Reichskristallnacht" (November 1938) waren Stationen auf dem Weg zur erpreßten Emigration, die den Deportationen in die Todeslager des Ostens voranging. Jüdische Erziehung und Kulturarbeit dienten der Emigrationsvorbereitung und wurden deshalb vom NS-Regime eine Zeitlang geduldet. "Das einzigartige Phänomen der jüdischen Presse jener Jahre", so Herbert Freeden, "liegt nicht nur darin, daß sie erschien, sondern daß sie als einzige Gattung im Zeitungswesen Deutschlands nicht nationalsozialistisch sein konnte." Zwar führten auch die Frankfurter Zeitung und mehr noch einige regionale katholische Milieu-Blätter, wie die Deutsche Bodensee-Zeitung, einen mutigen Kampf, bis sie verboten wurden, die jüdische Presse aber hatte eine absolute Ausnahmestellung. Sie durfte bis zum Jahre 1935 öffentlich verkauft werden. So waren in dieser Zeit im Berliner Westen, an den Kiosken des Kurfürstendamms und in anderen großen Straßen, jüdische Zeitungen mit auffallenden Schlagzeilen merkwürdige Attraktionen. Es ergab sich das Paradox, daß die jüdische Presse aus einer Perspektive, die den deutschen Zeitungen verwehrt war, zu Weltproblemen Stellung nehmen konnte. Auch stand es jüdischen Zeitungen frei, Mitarbeiter zu Wort kommen zu lassen, die in Deutschland auf der schwarzen Liste standen. Sie konnten zum Beispiel einen Roman von Franz Werfel abdrucken und Bücher von Thomas Mann besprechen. Juden, die sich vor dem März 1933 nicht für die jüdische Presse interessiert hatten, bestellten nun ein Abonnement – und Nichtjuden, denen die Einförmigkeit von Goebbels’ Blätterwald zuwider war, kauften sich gelegentlich und heimlich am Kiosk die Jüdische Rundschau. Deutsche Tageszeitungen empörten sich im Oktober 1934: "Was sich an Dreistigkeit die jüdischen Blätter erlauben, wird nachgerade unerträglich. Während die Regierung das Weitererscheinen dieser Blätter in der Annahme gestattet hat, damit Juden die Möglichkeit eines Austauschs über kulturelle und religiöse Fragen untereinander zu geben, machen diese aus ihren Zeitungen ein politischweltanschauliches Kampffeld. Allwöchentlich sitzen die Schriftgelehrten über das nationalsozialistische Deutschland zu Gericht." Und die Westfälische Landeszeitung erregte sich, "daß gewisse Zeitungshändler, auf der Jagd nach Profit, in Städten mit starker Judenbevölkerung diese jüdische Presse besonders herausstellten und so geradezu würdelos ihren Kotau vor dem Fremdrassigen machten."

Das neue jüdische Selbstbewußtsein, das sich in Schlagzeilen wie "Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!" ausdrückte, mußte auf gewisse "arische" Gemüter als Provokation wirken. Natürlich existierte für die jüdische Presse und die jüdischen Kulturbünde keine uneingeschränkte Kulturautonomie. Sie wurden von allen Seiten bedroht, beschnüffelt, bewacht und terrorisiert, von SA und Partei, von der Reichskulturkammer und von der Gestapo. Während die Redaktionen der deutschen Zeitungen durch "Vorzensur" und klare Anweisungen für ihre "Sprachregelung" eindeutig gegängelt wurden, ließ man die jüdischen Redakteure bewußt im unklaren über ihren Spielraum. "Sie mußten sich auf ihr eigenes Urteil und die Erfahrung ihrer Kollegen verlassen, um herauszufinden, was der Zensor beanstanden würde." Ein falsches Wort konnte das Verbot der Zeitung und Konzentrationslager für die Verantwortlichen bedeuten.

Wie jede Widerstandsliteratur mußte auch die jüdische Presse den "Jargon der Umwelt" imitieren und damit ihre Opposition verschlüsseln. Martin Buber erklärte, es käme darauf an, "daß die derzeit Mächtigen nicht gleich unseren Widerstand sehen ..., so klug zu schreiben, daß uns viele Menschen gelesen haben, ehe man uns zur Verantwortung ziehen kann." Während in der Jüdischen Rundschau, der Centralvereins(CV)-Zeitung oder dem Organ des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Der Schild, oft recht grobe Richtungskämpfe über die Frage "bleiben oder gehen" und über den Charakter des "neuen jüdischen Staates" ausgetragen wurden, stritt man in dem von Hans-Joachim Schoeps geleiteten Vortrupp und in Arno Herzbergs Morgen auf hohem theoretischen Niveau über die "Wechselwirkung von jüdischer und europäischer Kultur."