Von Karl Georg Zinn

In der ZEIT vom 12. Februar hat Carl Christian von Weizsäcker in einer Besprechung der Monographie Rudolf Hickels „Ein neuer Typ der Akkumulation?“ kritisiert, Hickel gründe seine Argumentation auf eine zu enge, nämlich auf die Bundesrepublik begrenzte Datenbasis. Ihm entgehe damit, daß andere Länder, nämlich die USA, Japan und die Schweiz, geringere Arbeitslosenquoten als die Bundesrepublik aufwiesen, obgleich dort die Mikroelektronik eine noch größere Bedeutung habe als bei uns.

Hickels Erklärung der Arbeitslosigkeit stellt dagegen die Rationalisierungseffekte der Mikroelektronik heraus, die Arbeitslosigkeit bewirkten, ohne daß wie in der Vergangenheit von der neuen Technologie auch hinreichend starke Wachstumsimpulse ausgelöst würden, um die technologische Arbeitslosigkeit wieder abzubauen. Hickels These wird auch von seinen Kollegen in der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memorandum-Gruppe) kontrovers diskutiert. Allerdings besteht der Konsens, daß der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit im wesentlichen nur von der Nachfrageseite her wirksam begegnet werden kann. Damit bilden von Weizsäckers zentrale Empfehlungen, wie der Beschäftigungsmisere beizukommen sei, nämlich durch Lohnsenkung und steuerliche Entlastung von Unternehmen, in der Tat eine markante Gegenposition zu Hickel und anderen.

Wenn von Weizsäcker neben den USA und Japan ausgerechnet die Schweiz als ein Modell für niedrige Arbeitslosigkeit anführt, so grenzt das an Zynismus. Denn die Schweiz hält seit Jahren die statistisch ausgewiesene Arbeitslosigkeit durch eine äußerst restriktive Gastarbeiterpolitik gering: Ausländische Arbeitskräfte werden in der Regel nur mit Zeitverträgen beschäftigt und müssen das Land sofort verlassen, wenn das Arbeitsverhältnis beendet ist. Ohne diese Praxis läge die Schweizer Arbeitslosenquote bei zehn Prozent oder mehr.

Die Beispiele USA und Japan hinken ebenfalls. Das Wachstum und die Beschäftigungszunahme der Vereinigten Staaten erscheint – für einige Jahre – beeindruckend. Jedoch wurde durch die extrem hohen Haushaltsdefizite eine Nachfrage geschaffen, die ausreichte, um auch noch der japanischen und bundesdeutschen Wirtschaft jene hohen Exportüberschüsse zu ermöglichen, die sich nunmehr als Pferdefuß des vergangenen Konjunkturaufschwungs erweisen. In den USA wächst zudem die Bevölkerung, was in hochentwickelten Industrieländern als ein starker Wachstumsfaktor gilt: Bevölkerungswachstum läßt den Absatzoptimismus der Investoren und damit auch ihre Bereitschaft zur Sachkapitalbildung florieren. Solche Wachstumskräfte fehlen in der Bundesrepublik. Betrachtet man die Qualität der neuen Arbeitsplätze in den USA, so weisen Untersuchungen auf den hohen Anteil unqualifizierter, schlecht bezahlter und ungesicherter Arbeitsplätze hin.

Schließlich kann auch Japan nicht als positives Modell gelten. Denn abgesehen von der Tatsache, daß die japanische Arbeitslosenstatistik in einem unverschämten Ausmaß geschönt wird, sind die Arbeits- und Einkommensverhältnisse der Mehrzahl japanischer Arbeitnehmer, die ja nicht zu den Vorzeigebelegschaften der großen Konzerne gehören, alles andere als dem Entwicklungsstand der fernöstlichen Industriemacht angemessen. Die bei konservativen Wirtschaftspolitikern beliebte Staatsquotenschelte trägt auch nicht weit. Schweden wäre etwa ein gutes Beispiel für die Kombination von Staatsquote und niedriger Arbeitslosigkeit. Wen jedoch die niedrige japanische Staatsquote zu beeindrucken vermag, der sollte auch in Betracht ziehen, daß Japan einen relativ geringen Rüstungsaufwand treibt, aber auch eine völlig unzulängliche Infrastruktur aufweist und sich ein – nach westeuropäischen Maßstäben – menschenunwürdiges Nicht-System der Alterssicherung leistet.

Noch ein Wort zu den angeblich so erheblichen Lohnunterschieden zwischen der Bundesrepublik und ihren Konkurrenten. Stundenlohnvergleiche sind selbstverständlich unbrauchbare Beurteilungskriterien, sonst müßten ja alle Niedriglohnländer der Dritten Welt Exportweltmeister sein. Sinnvoll ist nur der Vergleich auf der Grundlage der Lohnstückkosten. In der Lohnstückkostenentwicklung blieb aber die Bundesrepublik hinter den USA und sogar Japan zurück. Die Lohnstückkosten stiegen von 1975 bis 1984 durchschnittlich in den USA um 6,7 Prozent, in Japan um 3,6 Prozent und in der Bundesrepublik um 3,0 Prozent im Jahr. Von 1985 bis 1987 hat Japan mit 1,2 Prozent jahresdurchschnittlichem Anstieg einen etwas günstigeren Platz als die Bundesrepublik (2,15 Prozent) und die USA (drei Prozent) erreicht.