In einem Vorführraum sitzen ein Produzent und ein Regisseur und schauen sich die ersten Aufnahmen eines neuen Films an. Der Produzent ist mit den Szenen, die der Regisseur gedreht hat, "Das zufrieden, die beiden streiten sich. "Das steht nicht im Drehbuch!" schreit Jack Palance. "Doch, es steht drin", antwortet Fritz Lang, "aber im Drehbuch ist es Schrift, und auf der Leinwand sind es Bilder."

Was Fritz Lang in Jean-Luc Godards "Die Verachtung" zu Jack Palance sagt, ist eigentlich banal. Es ist so banal, daß man es nicht oft genug wiederholen kann. Wenn man ein Buch aufschlägt, betritt man eine Welt, die sich erst im Lauf des Lesens und im Kopf des Lesers zusammensetzt, ihre (und seine) eigenen Farben und Konturen bekommt. Jeder Satz ist eine Spur, der man folgen muß. "Mitten in der Nacht fing sie an, im Schlaf zu stöhnen." So beginnt etwa eine Episode. Noch ist alles offen.

And on the screen it’s picture. Im Film sieht man eine junge Schauspielerin, die sich stöhnend und mit rotem Gesicht auf einem Kissen wälzt, in einem weiß getünchten Raum. Auf der Leinwand ist die Welt, in die der Zuschauer eintritt, in jedem Moment schon fertig, vollendet. Es gibt eine Leichtigkeit des Lesens, von der das Kino nichts weiß. Vielleicht ist das der Grund für die Abneigung der Bibliomanen gegen eine Kunst, die ihre Träume zu Filmen erstarren läßt. Denn jede gelungene Verfilmung bedeutet das Ende einer literarischen Phantasie. Nach Viscontis "Leopard" trägt Lampedusas Romanheld für alle Zeiten die Züge von Burt Lancaster. Die Filme sind gefräßig: Sie fressen die Bücher auf, aus denen sie entstehen.

Philip Kaufmans Film "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" beginnt mit der Aufnahme einer Mauer. Man sieht sie nur sehr kurz; sie dient als Unterlage für den Filmtitel. Aber schon mit diesem ersten Bild teilt der Film sein Publikum in Leser und Zuschauer. Der Zuschauer sieht eine verschwommene Fläche. Der Leser sieht ein verschwommenes Motiv.

"Seit vielen Jahren schon denke ich an Tomas ... Ich sehe ihn, wie er in seiner Wohnung am Fenster steht, über den Hof auf die Mauer des gegenüberliegenden Wohnblocks schaut und nicht weiß, was er tun soll." So beginnt, nach ein paar Seiten philosophischer Reflexion, Milan Kunderas Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins". Kundera beschreibt den Blick eines Mannes, der über sein Leben nachdenkt. Kaufman zeigt nur die Mauer und deshalb nichts.

Das ist der Unterschied zwischen Bild und Nachbild. Nachbilder sind Bilder, die etwas zeigen, was man auf der Leinwand nicht sehen kann: Wörter. Sie tragen das Motiv, aber sie bringen es nicht zum Vorschein. Sie sind der Schatten des Romans, der den Film verdunkelt.

Der Film "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" ist voll von solchen Nachbildern, Leerstellen, an denen die Geschichte stockt und zum Abklatsch von Literatur verklumpt. Dazwischen gibt es Momente, in denen eine andere Logik sichtbar wird, in denen das Kino über seinen Gegenstand triumphiert. Beides zusammen ergibt keinen gelungenen, aber einen sehenswerten Film. Kaufmans Kundera-Adaption ist ein Lehrstück über die Schwierigkeit des Scheins. Literatur und Film: die Geschichte einer Kollision.