Von Jürgen Manthey

Schon immer habe er ein Buch über ein Baby schreiben wollen, gesteht der Autor in einer (nur in die deutsche Ausgabe aufgenommenen) „Vorbemerkung“: Schließlich sei er lange genug Kinderarzt gewesen. Der Schriftsteller William Carlos Williams (1883-1963) ist aber auch der Geburtshelfer einer neuen amerikanischen Poesie in diesem Jahrhundert gewesen. „Sah in seinem Hinterhof mehr / als ganz New York über zwölf Kanäle“, schrieb Hans Magnus Enzensberger in einem Gedicht auf ihn.

Der Untertitel des 1937 erschienenen Romans – „Erste Schritte in Amerika“ – gibt gleich vorab zu verstehen, daß wir die individuelle Geschichte des kleinen Mädchen Florence, genannt Flossie, auch als Parabel auf die nationale Geschichte der USA – und diese als Naturgeschichte – lesen können. Dafür ist vielleicht bezeichnend, daß Flossie am Ende des Buches erst zwei Jahre alt ist und daß sie und ihre Mutter der Stadt New York aufs Land entkommen sind, vorerst: „Das Gras war überall saftig grün und weich, wie anscheinend immer in Vermont. Eine Kuh trottete drüben bei der kleinen Brücke an der Straße frei am Ufer. Einmal geriet sie auf die Straße, und die Kinder jagten sie wieder zurück. Sie wickelte weiter die Zunge um das üppige Gras und riß es wie zuvor mit einer schnellen, seitlichen Bewegung des Kopfes ab.“

Die Unschuld des Anfangs, die erste Kindheit und die pastorale Idylle, das sind schon immer typische Motive der amerikanischen Literatur gewesen. Williams öffnet aber nur immer wieder kurz das Fenster auf dieses 1937 längst verlorene Paradies. Seine Geschichte setzt mit dem Jahr 1893 ein, einem der großen Einwanderungsjahre, die dazu führten, daß New York sich in eine Stadt mit schnell hochgezogenen Mietskasernen verwandelte. In einem dieser billigen Arbeiterquartiere spielt der Roman.

Der ostpreußische Einwanderer Joe Stecher, der gern „Oberförster“ (im Original deutsch) geworden wäre, und seine aus Norwegen stammende Frau Gurlie bekommen ihr zweites Kind, wieder eine Tochter. „Sie kam auf die Welt wie Venus aus dem Meer, tropfnaß.“ Man mag bei diesem Satz, dem ersten des Buches, an all die aus dem Meer gestiegenen Ankömmlinge aus Europa denken. Aber Florence/Flossie kommt auf amerikanischem Boden zur Welt, sie ist in einer Familie aus lauter Einwanderern die erste echte Amerikanerin. Sie ist unansehnlich, unbeeinflußbar, unzähmbar, und wie um sich die Parallele zur Geburt der amerikanischen Nation aus der Revolte gegen das englische Mutterland nicht entgehen zu lassen, sagt der Erzähler von der Neugeborenen: „Doch nun begann das Baby zu rebellieren.“ Tatsächlich hat die eigene Mutter am wenigsten für das frischgeborene Kind übrig. Auch die Hebamme weiß über den eigensinnigen Säugling nichts anderes zu sagen, als daß er „schrecklich schlechte Laune“ habe. Es ist Joe, es ist der Vater, der ihr widerspricht.

Williams wäre nicht der Dichter, der er auch in seiner Prosa ist, wenn es ihm beim Schreiben dieses Romans (des ersten Bandes einer Trilogie) nur um eine erzählerisch inszenierte Version des amerikanischen Ursprungsmythos gegangen wäre. Es ist ein anderes Zurück-zu-den-Anfängen, das dem Schriftsteller wichtig war: die Wahrnehmung der Dinge vor ihrer Vereinnahmung durch die Begriffe. Ein rousseauscher Traum, gewiß, aber Williams hat es damit zu einem wundervollen poetischen Realismus gebracht, in dem sich das Wissen im Gestus liebevoller Präsentation von lauter Details verbirgt.

Seine – mit siebzig geschriebene – „Autobiography“ beginnt Williams mit einem Abschnitt, in dem er sich als das bis ins hohe Alter hinein staunende Kind darstellt: „Ich war ein ausgesprochen unschuldiges Kind und bin es bis heute geblieben. Erst gestern, beim Lesen von Chapmans „The Ilias of Homer“, ging mir plötzlich auf, daß sich das Adjektiv ‚venerisch‘ ja von ‚Venus‘ ableitet! Mir, einem Arzt, der vierzig Jahre als Mediziner tätig war! Ich war verblüfft.“ Bei aller herausgestellten Wissens-Naivität in dieser Eröffnung der eigenen Lebensgeschichte wird doch zugleich deutlich, daß auch die Lektüre, daß die Kenntnis anderer Bücher, ja, von Büchern über Bücher, zu den Einflüssen gehören, die dieser Schriftsteller in seinem Werk verarbeitet hat. Enzensberger hat Williams deswegen einmal zurecht gegen den Vorwurf von Ezra Pound in Schutz genommen, er sei unbelesen, ungebildet. Er ist lediglich von allen gebildeten Autoren der modernen Literatur der unauffälligste.