Dieses Gefühl, das jeden vor dem ersten Besuch im mythenumwobenen Märchenland unzähliger Filme, Bücher, Lieder und Werbebilder überkommt, dieses Gefühl, daß die Welt eine andere sein wird, wenn man einmal durch diese Traumlandschaft gelaufen ist, daß man selbst ein anderer sein wird, daß es schon bei der Landung einen großen Knall geben muß: „Gleich wird etwas passieren.“ So beginnt Simone de Beauvoirs „Amerika Tag und Nacht“, das aus der überwältigenden Fülle der Amerikabücher herausragt.

Simone de Beauvoir: „Amerika Tag und Nacht“; Reisetagebuch 1947; Rowohlt, Reinbek 1987; 375 Seiten, 10,80 Mark.

Bei ihrem Versuch, diese Nation besser zu verstehen, läßt sie sich von den Spuren leiten, die sie schon kennt, dem Interesse für die amerikanische Literatur zum Beispiel und für das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen (gewidmet ist das Reisetagebuch den Freunden Ellen und Richard Wright). Anders als viele ihrer Kollegen ist Simone de Beauvoir aber nicht mit dem fertigen Manuskript in der Tasche nach Amerika gereist, um sich nur noch bestätigen zu lassen, was sie ohnehin schon weiß. Offen und neugierig ist ihr Blick, der „in dem verschwenderischen Überfluß der drugstores eine ebenso reiche Poesie wie in einer Barockkirche“ entdeckt.

Bei aller historischen und philosophischen Analyse bewahrt sie sich eine fast kindliche Fähigkeit des sich wundern Könnens. Wie eine funkelnde Weihnachtsbescherung schildert sie ihre Ankunft in New York, das für sie auch später nie seinen „feenhaften Charakter“ verlieren wird.

1947. Der Krieg ist kaum vorbei. Es ist die Zeit, in der viele Amerikaner „glauben, daß man das Schicksal Europas mit Konservenbüchsen in Ordnung bringen könnte“. Und doch scheint der Krieg weit weg zu sein in diesen vier Monaten, in denen die Beauvoir als Touristin, Freundin, Gastrednerin an Universitäten, Intellektuelle durch die Staaten fährt, fliegt und flaniert. „Antichronologisch“ tastet sie sich vom jungen Westen in den alten Osten vor, besucht das „große, heitere, anmutige“ Chicago und San Francisco („ein Skandal an verbissener Abstraktion, ein geometrisches Delirium“), besichtigt mehr Bars und Nachtclubs als Museen, genießt Whiskey und Jazz und die „weite, lachende Einsamkeit“ der Landschaft. Gelangweilte Studentinnen auf Männersuche trifft sie (von den Amerikanerinnen hält die Autorin nicht viel), arrogante Franzosen, einsame Schriftsteller, dösende Penner, und sie erzählt von verstaubten, mumifizierten Klapperschlangen und Kommunisten, die keine sind.

Daß diese ganze Fülle an Erlebnissen den Leser nicht erschlägt, liegt am Tempo. „Man muß es allmählich entdecken, es wird sich nicht wie ein dickes Bonbon schlucken lassen.“ Auf der Zunge läßt sie das Bonbon zergehen; sie schildert den langsamen Prozeß des Liebenlernens, einer Liebe „halb und halb“, die sie nicht blind macht, sondern das Land besser verstehen läßt. Vergleicht sie anfangs Amerika ständig mit Frankreich (zugunsten des letzteren), stellt sie später die beiden nebeneinander, wertend, aber nicht verurteilend. Immer größer wird auch der Schritt von der Anschauung zur Abstraktion, von der Begegnung mit einem Amerikaner zum Portrait des Amerikaners.

Die Form des Tagebuchs läßt den Leser an diesem Prozeß der Entdeckung teilhaben. Es ist kein intimes Tagebuch, sondern ein literarisches, im Rückblick anhand von Aufzeichnungen, Erinnerungen und Briefen geschrieben, „die zeitliche Reihenfolge meines Erstaunens, meiner Bewunderung, meiner Entrüstung, meines Zögerns und meiner Irrtümer respektierend“. Im Präsens, sehr anschaulich und genau geschrieben, verknüpft das Tagebuch die Unmittelbarkeit des Erlebens mit der Analyse und Reflexion aus der Distanz heraus. Fast meint man, selbst unterwegs zu sein, zu sehen, zu riechen und zu hören und zu verstehen. Als Reiseersatz eignet sich das Buch fast so gut wie als Reisebegleiter.

Susanne Kippenberger