Von Hildegard Baumgart

Nein – das ist keine von diesen Erzählungssammlungen mittlerer Qualität, wie man es bei dem Titel „Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte“ vermuten könnte. Der konfettibunte Schutzumschlag, den ich kaum auf meinem Schreibtisch ertragen konnte, umschließt auch kein abstruses Kinder- und Jugendbuch, und der vollbärtige Autor, der dem Leser unsinnigerweise schräg angeschnitten in Nahaufsicht und dazu noch lachend dargeboten wird, ist weder Seemann noch Holzfäller noch ein Schauspieler von der Art etwa Peter Ustinovs.

Sondern: Er ist ein Neurologe, der ein „Sachbuch“ geschrieben hat – und was für eins! „Ein wunderbares Buch“, sagt der Hamburger Professor Thomas Lindner, der die Fachterminologie überprüfte, was durchaus nötig war, denn diese Sammlung von „klinischen Geschichten“, wie der im Deutschen verschluckte Untertitel im Englischen lautet, ist ein Fachbuch, und zwar eins, das ich jedem Neurologen, überhaupt jedem Arzt auf den Nachttisch legen möchte (er kann den Umschlag ja abnehmen, der weiße Leineneinband ist sehr schön). Denn so wie Oliver Sacks wünsche ich mir einen guten Arzt: erfahren und zugleich neugierig auf dem eigenen Fachgebiet, mit einem sensiblen Blick für das Individuelle im klassifierten und klassifizierbaren Krankheitsbild, mit Wärme und Humor, mit Freude über seine Macht zu helfen und Bescheidenheit und Trauer angesichts seiner Ohnmacht, wenn er nichts kann als zuschauen, auf den Tod warten und vielleicht ein wenig lindern, was allzu schmerzhaft ist. Daß Sacks obendrein gebildet und musikalisch ist und sehr wirkungsvoll schreiben kann, ist natürlich mehr, als man von einem „guten Arzt“ fairerweise erwarten darf. Seinem Buch kommt es in glücklichster Weise zugute.

Er stellt ihm zwei Motti voran: „Ein Gespräch über Krankheiten ist eine Art Erzählung aus Tausendundeiner Nacht“ und „Der Arzt beschäftigt sich... nur mit einem einzigen Organismus, nämlich dem des Menschen, der seine Identität unter widrigen Umständen zu bewahren sucht.“ Selten haben zwei Leitsätze besser gepaßt. Denn genau zwischen dem Staunen angesichts der unglaublichen Erscheinungen, denen Sacks als Kliniker begegnet und die auch bei ihm – und wieviel mehr beim Leser! – oft Angst und Fassungslosigkeit auslösen, und der Ehrfurcht davor, daß der banale Selbsterhaltungstrieb beim Menschen die Besonderheit hat, nicht einfach aufs Überleben, sondern aufs „Überleben als einmaliges, unverwechselbares Individuum“ zu drängen, bewegt sich dieses Buch. Was Sacks dabei von der klassischen (und üblichen) Neurologie unterscheidet, ist der „romantische“ wissenschaftliche Blick, für den er als Lehrer immer wieder den russischen Neuropsychologen A.R. Lurija zitiert. Dessen Bücher nennt Sacks im Literaturhinweisteil „den größten neurologischen Schatz unserer Zeit“ (allein dies entzückt mich: Welcher Wissenschaftler drückt sich schon so direkt aus!).

Sacks teilt mit Lurija (und auch mit Freud, von dem man oft vergißt, daß er ja Neurologe war) das Interesse für die nicht-klassische, die sozusagen romantische Seite des Menschen, neurologisch ausgedrückt: für die rechte Hirnhemisphäre, in der die Störungen lokalisiert sind, „die sich auf das Selbst auswirken“. Diese Symptomkomplexe, die genau wie die der linken Seite auf Schlaganfälle, Tumoren oder Verletzungen zurückgehen, scheinen, so Sacks, dem „neurologischen Naturell irgendwie fremd“ zu sein. Denn dem vernunftbetonten, naturbewältigenden Zug der Zeit ist natürlich auch die Neurologie gefolgt und hat sich deshalb voller Stolz auf die „einzigartige Blüte der menschlichen Evolution“, nämlich die linke Gehirnhälfte konzentriert, die differenzierter ist als die aller anderen Lebewesen, wie ein Computer funktioniert und vor allem schematische Abläufe und die Welt der Abstraktion regelt.

Wie es aussieht, wenn die linke Hemisphäre allein und ohne die Korrektur des Zusammenklangs mit der rechten arbeitet, zeigt folgendes Beispiel: Sacks bittet den Mann aus der Titelgeschichte, einen Musikprofessor, ihm zu sagen, was das sei – die Rose, die er ihm mitgebracht hat. „Etwa 15 cm lang... ein rotes, gefaltetes Gebilde mit einem geraden grünen Anhängsel... es hat vielleicht eine eigene höhere Symmetrie...“ (einfache symmetrische Körper wie einen Würfel kann er identifizieren). Schließlich erkennt er am Geruch, daß es – „herrlich!“ – eine junge Rose ist und beginnt sofort das Schumann-Liedchen „Die Rose, die Lilie...“ zu summen. Die Diagnose, deren vorsichtige und sorgfältige Erstellung wir verfolgen können, lautet „visuelle Agnosie“, was man dankenswerterweise im Glossar nachschlagen kann; es bedeutet „Seelenblindheit“ oder „Unfähigkeit, optische Wahrnehmungen mit dem Erinnerten zu korrelieren“.

Unnachahmlich und zutiefst menschlich erscheint mir die „Verschreibung“, die Sacks dem Musiker gibt: er solle die Musik noch stärker als bisher zum Zentrum seines Lebens machen. Denn fand er eine „innere Musik“, eine sinnvolle musikalische Linie, die ihm Orientierung bot, so konnte er sich in der Welt bewegen. Seine Frau sagt: „Er singt die ganze Zeit: Eßlieder, Badelieder, Anziehlieder“, und beim Kaffee „summt Dr. P. fröhlich kleine Kuchen in sich hinein“. Wird er unterbrochen, etwa durch ein Klopfen an der Tür, so ist er zutiefst verstört, erkennt den Tisch nicht mehr als Tisch – und rettet sich dann wieder in die Ordnung von Kaffeegeruch und Kuchenmelodie. Bis zu seinem Tode konnte dieser schwerkranke Mann durch die verständnisvolle Behandlung seinem Beruf als Lehrender nachgehen.