Von Susanne Kippenberger

Die Grundsatzdiskussion zwischen „Nica“-Kaffeetasse (aus Nicaragua) und Tchibopackung tobt auf einem handgemalten Handzettel: Ute, 28, und Gerhard, 32, suchen kollektivwillige Mitarbeiter für ihr Projekt, ein „Vollkornkuchenmüslikleinkunstcafe“. Eine Pommesbude zu eröffnen wäre fast origineller – das ist eine der Lektionen, die der ehemalige Erzieher Gerhard sich wahrscheinlich nicht zu Herzen, aber mit nach Hause nimmt von diesem Wochenendseminar, auf dem er den Handzettel vorlegt. Wer heute noch einen Bioladen aufmacht, gehört für Kursleiter Hans Emge sogar „in die Kategorie ‚leicht verrückt‘“.

„Wie werde ich Jungunternehmer?“, in zwei Tagen; so lange dauert der Kurs für 120 Mark, in dem wir vor allem erfahren, wie wir es nicht werden. Wie werde ich Jungstar, Jungakademiker, Jungredakteur? Das ist man, wird man, war man mal, aber man kann es doch nicht lernen?! Vielleicht doch, vor den Türen des Klassenraums hier in Kirchheim/Teck, einer schwäbischen Klein- und Kleinstunternehmerstadt, die nicht so aussieht, als brauche sie Nachhilfeunterricht in diesen Dingen.

Jung sind die meisten der fünfzehn Teilnehmer, Mitte bis Ende Zwanzig. So richtig jung-dynamisch sieht allerdings keiner aus, am allerwenigsten unser zweiunddreißigjähriger Lehrer. Den Boss-Anzug für 7980 Mark hat Emge sich nur uns zuliebe mißschneidern lassen (auf Papier), um Grundsätzliches zur Umsatzsteuer zu erklären.

Und unternehmenslustig? Ob aus Angst vor dem eigenen Mut oder der Konkurrenz der anderen – jedenfalls geben die zehn Männer und fünf Frauen nur sehr zaghaft und äußerst vage Auskunft über ihre Pläne. „Was ist es denn so ungefähr, Zahnarztpraxis oder Beerdigungsinstitut?“ hakt Emge einmal nach und bekommt die detaillierte Auskunft: „Elektro“. Andere flüstern „Chemie“, „Textil“. Das mobile Puppentheater, das der 27jährige Zahntechniker Andreas eröffnen will, ist das originellste Unternehmen. Jute-Schlafsäcke für Ohrwürmer („Der Ohrwurm ist ein nützlicher Helfer bei der biologischen Schädlingsbekämpfung“), fünf Mark das Stück, will hier keiner vertreiben. Auch das hat es schon gegeben, nachzulesen in Hans Emges Buch „Wie werde ich Unternehmer?“, kürzlich erschienen in der rororo-Jugendbuchreihe panther.

Ihre Träume haben die Kursteilnehmer gleich an die Wand genagelt, auf ein Plakat geschrieben: Selbständig und unabhängig wollen sie sein, kreativ und frei. Sie sitzen hier, um fliegen zu lernen – und Emge zeigt ihnen, wie man eine Bruchlandung macht. Er malt die schlechteste aller Welten an die Wand und erzählt, was schiefgehen kann, nämlich alles. Mit deutscher Gründlichkeit versucht er, Unternehmergeist und Euphorie zu vertreiben. Wirksamste Kur für alle Möchtegern-Wirte: ein Jahr hinter dem Tresen. Das Seminar entpuppt sich als Überlebenstraining für Ideen – survival of the fittest. Wer sich so schnell sein Vorhaben ausreden läßt, wäre sowieso gescheitert.

„Unser Ziel ist es nicht, die Zahl der Betriebsgründungen zu erhöhen, sondern die Konkurse zu reduzieren“, sagt die Mainzer Arbeitsgemeinschaft für Unternehmensgründung, in der sich Emge (hauptberuflich Dozent für Betriebswirtschaft an der Frankfurter Fachhochschule), eine Steuerberaterin, ein Rechtsanwalt, eine Marketingspezialistin und ein ehemaliger Steuerprüfer vom Finanzamt und ein angehender Psychologe ideal ergänzen. Ein lukratives Unternehmen, das im Zuge der Neuen Deutschen Gründerwelle auf eine echte Marktlücke gestoßen ist und ihr Wissen auf Wochenendseminaren in der ganzen Bundesrepublik, in zehnwöchigen Kursen und in Einzelberatungen geschickt vermarktet.