Von Erich Loest

Wir werden", lasse ich den Leipziger Schriftsteller Hans-Georg Haas im Roman "Zwiebelmuster" sagen, "in der Kasbah von Algier bei einem Täßchen türkischen Kaffees darüber nachdenken." Jedes Wort ist falsch. Denn Haas und seine Frau kommen nicht nach Algier, und in der Kasbah dorten hätten sie es schwer, ein Café nach ihrem Gusto zu finden, doch wenn, würde ihnen der Kaffee nicht nach türkischer, sondern nach französischer Weise kredenzt. Merke: Mancher Leipziger hat es schwer, weltläufig zu sein.

Auch der Bundesdeutsche muß Klippen meistern. Der Schnurrbärtige in der algerischen Botschaft in Bad Godesberg blätterte zielgerichtet in meinem Paß und wurde schnell fündig. "Es gibt ein kleines Problem", nämlich den Visumstempel für einen Israelbesuch. Wer algerischen Boden betreten will, muß Papiere besitzen, die frei sind von Eintragungen des Erzfeinds, ein frischer Paß mußte her, und schon war ideologische Klarheit gewahrt. Im Flughafen von Algier prüften andere Schnurrbärtige mitgeführte Bücher, indem sie sie mit gewichtiger Miene wendeten; nach gemessener Frist war sozialistischer Wachsamkeit Genüge getan.

Im Informationsministerium gab es wieder ein kleines Problem: Ich war nicht als Journalist ackreditiert. Fragebogen: "Haben Sie schon einmal über Algerien geschrieben?" Begeistertes Nein! "Ihre journalistischen Spezialitäten?" Wahrheitsgemäß fülle ich aus: "Sächsische Postgeschichte und internationaler Kulinarismus." Ein Stempel krachte aus einem halben Meter Höhe aufs Dokument; offensichtlich bereitete es Lust, den Stempel schwingen zu können wie der beduinische Vorfahr das krumme Schwert.

Algier, die weiße Stadt, so ist es zum Slogan geronnen. Von entfernter Erhebung gewinnt er bei Sonnenlicht seine Berechtigung: Vom siebenten Stock des Hotels "El Aurassi" schaut der Besucher auf Bucht mit Hafen und großstädtischen Straßen, Moscheen, Hochhäuser die Hänge hinauf, weiß alles wie auch die Schiffe und die Brecher, die über die Molen schlagen. Das Panorama ergraut, wenn sich der Himmel verdüstert, mit den Wolken fällt scharfer Wind von den Bergen. Die Stadt glitzert des Nachts unter Ketten gelber Straßenlaternen. Sie dröhnt, rattert, faucht herauf, im Dämmern kann der Himmel aufglühen in Gelb und Purpur; dann ist der Morgen schnell da, sonnigblendend oder wieder grau mit Wind, der den Pullover anbefiehlt.

Den zentralen Teil Algiers haben die Franzosen in der Art gebaut, mit der der Architekt Haussmann Paris prägte. Dem Hafen zu und an den Hängen stehen Büro- und Wohnblocks, leicht provinzielle Haussmanns-Kost ist das, unverkennbar die Achtelung mancher Kreuzung. Da bleiben dann spitzwinklige Häuser, das Zimmer vorn stößt mit niemals geöffnetem Fenster und winzigem, niemals betretenen Balkon in die Verkehrsbrandung. Dem Hafen zugewandt residieren Banken und Versicherungen, staatlich allesamt, Ministerialbehörden, das Schiffahrtsamt. Hineingezwängt sind Bahnanlagen und Hafenschuppen, hier legen die Fährschiffe an, die die Touristenautos von Europa bringen. Von Rosenranken verziert und von Palmen flankiert ist der Platz der Märtyrer, vielfach terrassiert der Boulevard Khemiski. Weiter hinauf wuchs vieles nach der Befreiung im Betonstil wie auch auf den Hügeln, wie das Hotel "El Aurassi", wie die allerweltüblichen Wohnblocks hinter den Schluchten.

Die Geschichte Algeriens ist eine Kette von Eroberungen und Widerständen. Einer der Althelden heißt Abdelkader, hoch zu Roß ist er bronzen dargestellt auf quadratischem Platz, den Säbel gezückt, ein Fries zeigt dahinjagende Reiter im Relief. Darunter seine Lebensdaten: 1883 – 1808. Wie bitte? Ach ja, im Arabischen geht’s ja von rechts nach links. Er führte seine Kabylen gegen die Franzosen und brachte 40 000 Kämpfer auf die Pferdebeine. Der letzte, siegreiche Volkskrieg kennt keinen zentralen Symbolheros. Vor dem die Stadt überragenden Monument stehen drei Figuren unbekannter Kämpfer, die Maschinenpistole oder die lange Flinte in der Faust, angespannt stehen sie da in wachsamer Bereitschaft, nicht schießlüstern, Gegenüber den himmelhohen Schalen, unter denen das Feuer brennt, wirken sie geradezu ansprechbar.