Von Matthias Naß

Es gibt Bilder, die das Herz stocken lassen. Das Pressephoto aus der kurdischen Stadt Halabdscha im Nordosten des Irak gehört dazu: Ein Vater liegt todesstarr an der Türschwelle seines Hauses, das Kind mit dem linken Arm fest an sich pressend. Beide starben einen qualvollen Erstickungstod, als die irakische Luftwaffe kürzlich das einst 70 000 Einwohner zählende Halabdscha mit Senfgas und Tabun angriff. Dabei kamen nach iranischen Angaben fünftausend Menschen ums Leben, weitere fünftausend sollen verletzt worden sein.

Bagdad warf die Giftgasgranaten kalten Blutes auf eigene Staatsbürger; von der Genfer Konvention von 1925 gar nicht erst zu reden. Die irakischen Kurden hätten mit den iranischen Streitkräften gemeinsame Sache gemacht – mit diesem Vorwurf wollen die Machthaber in Bagdad ihr barbarisches Bombardement rechtfertigen.

Aber auch dem Iran geht es nicht um Humanität. Das Regime der Mullahs nutzt das Massaker von Halabdscha eifrig für seine Zwecke. Eine zynische Propaganda-Kampagne lief an: Hubschrauber transportierten westliche Reporter an den Ort des Grauens. Eine Woche lang blieben die Toten unbestattet in den Straßen liegen, bis die Aufnahmen "im Kasten" waren. Eine auf den Namen "Kurdistan" getaufte Boeing 747 der Iran Air flog kurdische Giftgasopfer zur medizinischen Betreuung nach Wien, Frankfurt, Paris und New York. Mögen die Ärzte der ausgewählten Gruppe von Verletzten – 40 von 5000 – helfen, so gut es geht. Das Kalkül, das diesen Krankentransporten auch zugrundeliegt, wirkt abstoßend.

Nur für einen kurzen Augenblick des Schreckens haben uns die Bilder aus Halabdscha die grauenvolle Wirklichkeit des Gemetzels an der 1200 Kilometer langen Front zwischen den Sümpfen des Schatt-el-Arab und den Bergen Kurdistans wieder in Erinnerung gerufen. Aber ansonsten läßt der irakisch-iranische Krieg, weit "hinter der Türkei", die meisten Bürger hierzulande gleichgültig. Noch fließt ja das Öl aus dem Golf. Die Preise für Benzin und Heizöl sind nicht gestiegen, sondern gefallen.

Sogar die Ostermarschierer schwiegen zum Massensterben von Arabern, Persern und Kurden. Ist unser moralisches Denken provinziell geworden? Auch der Vietnamkrieg fand ja nicht vor unserer Haustür statt. Allein das amerikanische Eingreifen in Südostasien einte die Jugend zwischen Berlin und Berkeley im leidenschaftlichen Protest.

Nichts davon heute. Erklärungen bieten sich an: Die Großmächte und die Europäer sind an den Kämpfen am Golf nicht unmittelbar beteiligt. Der Krieg erscheint als ein Regionalkonflikt. Zudem lassen sich "Gut" und "Böse" angesichts des Polizei- und Spitzelterrors im Irak des Saddam Hussein und der mittelalterlich-repressiven Theokratie des Ajatollah Chomeini schwerlich auseinanderhalten. Eine bequeme Parteinahme kann es da nicht geben. Die gängigen Schablonen vom Befreiungskampf gegen Imperialismus und Neokolonialismus passen nicht.