Von Theo Sommer

Keiner hat recht daran glauben wollen, bis zuletzt waren die Zweifel größer als die Hoffnungen, aber nun ist das Afghanistan-Abkommen unter Dach und Fach. Am 15. Mai beginnt der Abmarsch der sowjetischen Truppen; neun Monate später – pünktlich zum vierten Jahrestag von Gorbatschows Amtsantritt – soll der letzte der 115 000 sowjetischen Soldaten afghanischen Boden verlassen haben. Die Großmacht Rußland wirft die Bürde ab, die sie sich vor acht Jahren aufgehalst hat – wie anderthalb Jahrzehnte zuvor die Großmacht Amerika sich aus den Regenwäldern Vietnams zurückzog.

Die Welt darf aufatmen. Die Einigung von Genf beendet eine Spätphase des Kalten Krieges, die niemandem etwas gebracht hat. Leonid Breschnjew hatte sich in das afghanische Unternehmen gestürzt, als die Vereinigten Staaten in der Teheraner Geiselkrise ein Bild ohnmächtiger Hilflosigkeit abgaben.

Die Invasion vor Sylvester 1979 wirkte wie der Höhepunkt eines planvollen, unaufhaltsamen geopolitischen Ausgreifens der Sowjets; wie ein bedrohlicher Schritt auch in Richtung Persischer Golf, auf dessen Öl der Westen angewiesen ist. Abrupt kam die in der ersten Hälfte der siebziger Jahre angebahnte Entspannung zwischen Ost und West ins Stocken. Die afghanische Expedition Breschnjews schlug unmittelbar auf Europa durch. Jetzt, da Gorbatschow zum Rückzug bläst, ließe sich der Entspannungsfaden wieder dort anknüpfen, wo er damals gerissen ist.

Vielleicht ist es zu früh, die Sowjetunion schon zur Status-quo-Macht zu erklären. Doch die Russen haben – wie die Amerikaner in Vietnam – die Grenzen erfahren, die dem ordnenden Zugriff der Supermächte in der Dritten Welt gesetzt sind. Sie haben erlebt, daß ideologische Solidarität im eigenen Volk nicht populär zu machen ist, wo sie in langwierige, kostspielige und blutige kriegerische Verwicklung ausartet; auch diese Erfahrung hatten die Amerikaner ihnen voraus. Es gibt Hinweise darauf, daß die neuen Kremlherren ihre Verpflichtungen gegenüber Kuba und Nicaragua, Angola und Moçambique, Äthiopien und dem Jemen zurückgestutzt haben oder zurückstutzen wollen; eine kühle Kosten-Nutzen-Kalkulation müßte ihnen dies jedenfalls nahelegen. "Sozialismus in einem Lande" könnte ihre neue Parole lauten.

Nicht, daß die Sowjets sich völlig auf die eigenen Angelegenheiten einkrümmen werden; das tut keine Großmacht. Schon gar nicht ist zu erwarten, daß sie in Osteuropa ihre Zelte abbrechen. Aber nach der Erklärung von Dubrovnik wird immerhin denkbar, daß sie die Breschnjew-Doktrin mit ihrem umfassenden hegemonialen Einmischungsanspruch außer Kraft setzen und die innere Entwicklung Osteuropas den dortigen Völkern überlassen, solange sie nicht gegen die Sicherheitsinteressen Moskaus verstoßen. In Afghanistan liefern die Sowjets den Beweis, daß sie Positionen räumen können, wenn deren Behauptung zu teuer wird. Auf ihrem Glacis gegenüber dem Westen werden sie dies nicht tun; doch könnten sie die Zügel lockern. Auch das würde die Fortführung der Entspannungspolitik und ihre Auswertung über das Feld der Abrüstung hinaus erleichtern.

Weltpolitisch setzt denn die Einigung von Genf ein Hoffnungszeichen. Für die Afghanen selber sind die Aussichten allerdings düster. Sie werden den Preis für die Einigung der Supermächte zahlen müssen. Fast fünf Millionen von ihnen leben im Exil; die Hälfte aller Bauerndörfer ist zerstört; die Großstädte sind überlaufen. Vor allem aber: Die Russen beenden ihren Krieg; der afghanische Bürgerkrieg jedoch wird wohl weitergehen. Niemand vermag zu sehen, wie sich die streitenden Parteien sollten einigen können. Ihre Waffenarsenale, jüngst erst noch einmal kräftig aufgestockt, reichen noch für viele Monate Kampf. Wie sollten sich die Flüchtlinge da zurücktrauen? Und selbst wenn das Regime Nadjibullah zusammenbräche – hätten die sieben rivalisierenden Mudjaheddin-Gruppen die Kraft und die Einsicht, gemeinsam an einem Strick zu ziehen?