Von Hermann Glaser

Flakhelfer waren Schüler höherer und mittlerer Schulen, die zu Ende des Zweiten Weltkriegs im Alter von 15 bis 17 Jahren klassenweise von der Schulbank weg als Luftwaffenhelfer einberufen wurden, um – wie es in den „Heranziehungsbescheiden“ hieß – „in einer ihren Kräften entsprechenden Weise bei der Luftverteidigung des Vaterlandes mitzuwirken“. Von 1943 bis 1945 stellten sie den Hauptanteil des Behelfspersonals der Flugabwehr in der Heimat – bis zu 45 Prozent der Sollstärke. „Die Aufsteiger aus dieser Flakhelfergeneration sind heute, Mitte der achtziger Jahre, Endfünfziger und können, wie man so sagt, auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken. Sie haben es geschafft: als Söhne eines Hilfsarbeiters, eines Kellners, eines Handwerkers, eines Kleinbauern sind sie Richter, Bankdirektor, Personalchef in einem Verlagshaus, Professor geworden. Damit gehören sie zum Führungspersonal der westdeutschen Gesellschaft.“ Das Zitat findet sich bei

Heinz Bude: Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1987; 211 S., 14,– DM.

Den Lebenshintergrund einer tonangebenden „Kohorte“ unserer heutigen Gesellschaft entdeckt und mit sozialpsychologischem Spürsinn innerhalb einzelner Biographien verfolgt zu haben, ist das besondere Verdienst dieses anregenden, vor allem auch sehr anschaulich geschriebenen Buches. Den Begriff der „Generation“ zu definieren, sie als abstrakte Kategorie einzugrenzen, ist schwierig, ja unmöglich. Das jeweils Gemeinsame von Überzeugungen, Gefühlsweisen und Handlungsnormen läßt sich am besten historisch beschreiben; bei der Flakhelfergeneration erleichtern zudem die äußeren Lebensumstände die Gruppierung: handelte es sich doch um Schulklassen, die geschlossen zum Kriegseinsatz kamen. Der totale Zusammenbruch 1945 beendete diese Lebensphase, die sich, allein schon wegen der ungewöhnlichen Situation, von großer prägender Kraft erwies.

In die Schule zurückgekehrt, erlebten die ehemaligen Flakhelfer die chaotisch-kreativen Jahre der Trümmerzeit; bei der Währungsreform 1948 waren sie um die zwanzig und hatten gute Chancen. „Viele aus der Kriegsgeneration waren gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft, und gleichzeitig wurde der Wiederaufbau in Angriff genommen. Ehrgeizige junge Männer wurden gebraucht. Der Koreakrieg, der im Juni 1950 ausbrach, scheint sie wenig beeindruckt zu haben. Mitte der fünfziger Jahre hatten die Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation schon ihren ersten Schritt auf der Karriereleiter getan: Nach dem Studium haben sie eine Stelle angetreten, oder sie sind in eine höhere Position aufgerückt. Sie heirateten und beteiligten sich an dem Wiederaufbau Westdeutschlands aus den Ruinen von Faschismus und Krieg. 1954 fand in der Schweiz die Fußball Weltmeisterschaft statt. Das Unglaubliche ist wahr, das Unerwartete Wirklichkeit! Der Fußballweltmeister 1954 heißt Deutschland! Es stand fest: ‚Wir sind wieder wer!“

Heinz Bude liebt solche holzschnittartigen Zusammenfassungen; sind sie auch nicht immer richtig, so regen sie doch zum Nachdenken über die kollektive Biographie dieser Generation an. Zudem werden die Zwischentöne keineswegs vernachlässigt. Der Verfasser nutzt die „Gnade der späten Geburt“, indem er, vom Dritten Reich nicht persönlich betroffen, sich in die Verhaltensformen und Lebensweisen derjenigen hineinfühlt, die betroffen waren und dann an der Entwicklung der Bundesrepublik maßgebenden Anteil hatten. Zu den Flakhelferjahrgängen gehören u. a. Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl, Kardinal Joseph Ratzinger, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, Rundfunkintendant Friedrich Nowottny, der Schriftsteller Martin Walser, die Ministerpräsidenten Johannes Rau und Ernst Albrecht, der Showmann Joachim Fuchsberger, die Philosophen Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und Odo Marquard.

Deren Lebenskonstruktionen werden freilich nicht „abgeklopft“. Aus dem Forschungsmaterial – insgesamt elf Gespräche, von denen sechs im Frühjahr 1981 und fünf im Frühjahr 1982 geführt wurden – werden drei „Figuren“ herausgegriffen und vorgeführt: „Ein Mann ohne Eigenschaften. Der spurlose Aufstieg des Doktor Manfred Gärtner“; „Der innere Soldat. Der Weg des Peter Neumann, vom freiwilligen Offiziersanwärter zum Spitzenmanager“; „Eine Karriere zwischen Entwertung und Anpassung. Der amerikanische Traum des Professors Christof Westmeyer“ (wobei Namen und äußere Daten verändert sind). Deren Portraits sind keineswegs schmeichelhaft. Der Verfasser dieser Rezension möchte sich, wie sicherlich viele Angehörige der Jahrgänge 1927 bis 1930, in solcher Typologie nicht gerne wiederfinden.