Von Markus Vanhoefer

Die Orchestergarderobe ist ein kleiner Saal, bestimmt vom fahlen Licht der ständig brennenden Neonröhren. Die Tischreihe in der Mitte dient als Instrumentenablage: Geigenkasten, Klarinettenmundstücke, Trompetenkoffer neben halbvollen Aschenbechern. Grüne Blechspinde verstellen die Wand rechts und links der Eingangstür. Jemand hat die jeweilige Schlüsselnummer draufgeschmiert. Meine ist 232.

Zum ersten Mal habe ich diesen Raum an einem kalten Apriltag betreten. Ich war nach Garmisch gefahren, um mich vorzustellen, das Instrument ist mitzubringen. Nach dem Vortrag eines Konzertstücks und einer Blattspielprobe – Auszüge aus Rossinis „Diebischer Elster“ – wurde mir ein Arbeitsvertrag für die Sommersaison zur Unterschrift vorgelegt. „Kurorchester, das heißt viel Dienst und wenig Anerkennung“, verabschiedete mich mein zukünftiger Chef, Kapellmeister Marcus H., „Sie wissen hoffentlich, worauf Sie sich da einlassen.“

Ich wußte es nicht: Kurmusik im Jahre 1987 empfand ich als fossil, ein Dinosaurier im Zeitalter von Lennie Bernstein und Michael Jackson, von perfektionistischer Orchesterkultur und den gesammelten Techno-Sounds der Pop-Produktionen. Während meines Studiums hatte niemand die Existenz der über 160 Kurorchester in der Bundesrepublik Deutschland erwähnt, Komponisten wie Julius Fucik oder Franz Grothe hatten keinen Platz in den Vorlesungen über Musikgeschichte. Damals dachte ich beim Begriff „Kurmusik“ noch an Hans-Moser-Filme, an schneidige Rittmeister, jungfräuliche Putzmacherinnen, Walzerklang und Happy-End.

Arbeitsalltag 1987: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie recht herzlich zum Vormittagskonzert. Es freut uns, daß Sie heute wieder unsere Gäste sind.“ Alles ist so schrecklich deutsch um mich herum: Hinter den Bäumen des Kurparks ragen Alpengipfel in den weiß-blauen Himmel, und die runden Begonienbeete erinnern an die Häkelmütze des Klopapiers in Autohecks. Die Zuhörer, kaum einer unter 60 Jahre alt, sitzen auf weißen Bänken und lesen Bild.

Einer der 17 Musiker, die in der Konzertmuschel Platz genommen haben, ist Zbiegnew J., Anfang 40. Wie einige andere meiner Kollegen lebt er außerhalb der Saison im Ostblock, in Polen. Mit seinem kurzgeschorenen Schädel sieht er aus wie Kojaks kleiner Bruder. Zbiegnew ist Klarinettist und Saxophonist, in seiner Heimat ein gefragter Jazzsolist, Arrangeur und Komponist. Für ihn gibt es nur eine Motivation, Kurmusik zu spielen: D-Mark. Westliche Devisen ermöglichen ihm in Polen den Kauf sonst unerschwinglicher Luxusgüter, Blue-Jeans, ein Autoradio, den Videorecorder. Das polnische Regime toleriert sein Engagement im kapitalistischen Ausland und kassiert 14 Prozent seines Bruttogehalts, natürlich in Westmark.

Saskia S., Mitte 20, Preisträgerin bei „Jugend musiziert“, Studium an einer deutschen Hochschule, Aufbaustudium am Genfer Konservatorium. Die Flötistin gehört zur Gruppe junger Orchestermitglieder, die nach ihrer Ausbildung versuchen, im Beruf Fuß zu fassen. „Besser, die ‚Maske in Blau‘ dudeln, als Briefe austragen.“ Mit dieser Devise halten sie sich über Wasser. Sie fahren zu den Probespielen der großen Orchester – aber beim derzeitigen Überschuß qualifizierter Instrumentalisten benötigt man, neben technischer Perfektion, Musikalität und starken Nerven oft noch Vitamin B, die richtigen Beziehungen, um die erhoffte Stelle zu erhalten. Fazit des Kurkapellmeisters: „Noch nie hatte ich so viele Bewerber mit guten Zeugnissen und Empfehlungen von Spitzenprofessoren wie dieses Jahr!“ Selbst im Kurorchester findet bei den meisten Instrumenten eine strenge Auswahl statt.