Sportlern und Fernfahrern dienen sie als Kraftfutter, Suske und Wiske essen sie, der König mag sie auch, und die Köche der Haute cuisine sind sich nicht zu fein, sie ihrer Klientel zu Aiguillettes de canard au miel zu servieren.

Die glänzenden, goldgelben und knackigen Kartoffelstäbchen mit etwas Salz schmecken zur Entenbrust ebenso gut wie aus der Tüte. Frites, Patat, Pommes frites, Fritten, French fries oder Frieten heißen sie. Der große Küchenguru Auguste Escoffier nannte sie pommes de terre Pont-Neuf und lieferte auch das klassische Zubereitungsrezept: „Die Kartoffeln vierkant schneiden und daraus Stäbchen von einem Zentimeter Dicke machen, in heißem Öl backen, bis sie außen knusprig und von innen weich sind.“

Wer durch das Königreich Belgien fährt, wird allenthalben mit den Kartoffelstäbchen konfrontiert. Zu den Wahrzeichen des Landes zählen seine frietenkotten, unverwechselbare Buden, die überall im Land an den Straßen stehen. Durch eine unvergleichliche Kombination von Schönheit und Geschmacklosigkeit, die schon wieder ans Geniale, grenzt, machen sie auf sich aufmerksam: zusammengenagelte Holzhütten, buntbemalte Omnibusse ohne Räder, schimmernde Wellblechbuden, große Pilze und weißgraue Caravans. Schilder wie „Frituur“, „Frites ici“ oder „Friterie“ offenbaren ihre Funktion.

An jenen Etablissements kommt kein Reisender vorbei. Er findet sie auf historischen Plätzen und an den Kurpromenaden der Seebäder, ja selbst an den Loipen. In Brüssel soll es sogar mehr Frittenbuden als Telephonzellen geben. Wer wundert sich da, daß die Kartoffelstäbchen „unser nationales Symbol sind“, so Paul Ilegems in Stars and Stripes. Der Professor für Geschichte weiter: „Die Fritten stehen für unseren Charakter, für unsere Freiheit, unsere Improvisiergabe und unseren Anarchismus ... Jeder kann solch einen Kotten eröffnen, kann seine Öffnungszeiten selber, bestimmen, seine Fritten backen, wie er will. Niemand, der ihm reinredet.“

Das nationale Symbol verkauft sich, gut, so gut, daß sich innerhalb von vier Jahren die Zahl der Kotten auf 7000 verdoppelt hat. Von dieser gastronomischen Revolution hat allerdings noch keiner der gewichtigen Gourmetführer Kenntnis genommen. Feinschmecker indes, die das Land mit seinen unerhört zahlreichen Sterne-, Gabel- oder Kochmützen-Restaurants besuchen, geben schon mal kund, welches ihre favorisierten Kotten sind.

Nicht zufällig sind die Freßbilder Bruegels oder die üppigen Marktszenen Beuckelaers in einem Land entstanden, in dem exzentrische Jungköche keine Chance haben. Daß aber auch die Schnellköche der Fast-food-Ketten kaum eine Chance haben, dafür sorgen die Kotten. Zählt man in Amerika auf 8000 Einwohner ein Hamburger-Restaurant, so kommt in Belgien erst eines auf 25 000.

Um auf die Frage eine Antwort zu finden, wie es möglich ist, daß die belgischen Fritten so legendär besser schmecken als in anderen Ländern, haben wir einige Dutzende Kotten besucht: überall eine kleine Portion, die in der Regel zwischen 1,50 Mark und zwei Mark kostet. Mayonnaise extra. Die Route lief von Bastogne über Spa nach Lüttich, von Eupen über Gent nach De Panne, von Orval durch den Hennegau nach Kortrijk.