Wie in Mittelamerika an Adoptionen verdient wird

Von Rita Neubauer und Willi Germund

Ein Säugling krallt wimmernd seine Fäuste in die schmutzig-graue Decke. Sein Körper ist übersät von Mückenstichen und eiternden Ekzemen. Die Frau, die ihn und acht weitere Säuglinge in dieser Steinhütte am Rande der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa versorgen soll, ist seit Tagen nicht aufgetaucht. Nachbarn sind auf die vor Hunger und Durst schreienden Kinder aufmerksam geworden und haben die Polizei gerufen. Die Säuglinge, bestimmt zur Adoption für ausländische Interessenten, sind in einem jämmerlichen Zustand. Zwei der Babys werden wegen starken Durchfalls und Fieber ins Krankenhaus eingeliefert, die anderen einem Waisenhaus übergeben.

Der Vorgang ist kein Einzelfall in Mittelamerika. Immer wieder fliegen in Guatemala, El Salvador oder Honduras Häuser auf, in denen oft zu Dutzenden Kleinkinder verwahrt werden, die von skrupellosen Geschäftemachern dorthin geschafft worden sind. Manchmal hört man davon, daß Rechtsanwälte, die die Häuser angemietet und Frauen für die Betreuung angestellt haben, verhaftet werden. Die leiblichen Mütter können in den seltensten Fällen ausfindig gemacht werden.

„Engordadoras“, die „Mästerinnen“, heißen die Frauen, deren Aufgabe es ist, Kleinkinder für jene Anwälte zu besorgen, die sich darauf spezialisiert haben, „Adoptionen“ zu vermitteln, wobei sie sich eine traurige Realität zunutze machen: eine Realität, in der alleinstehende Mütter mit fünf Kindern ein sechstes aus finanziellen Gründen nicht mehr aufziehen können, in der hohe Arbeitslosigkeit und große Hoffnungslosigkeit unter der Bevölkerung herrscht, in der der Krieg Tausende von Waisen hinterläßt.

Die andere Seite dieser Wirklichkeit sind die erwähnten geschäftstüchtigen Anwälte und ihre ausländischen Klienten: kinderlose Ehepaare aus den USA und Europa. Allein im vergangenen Jahr adoptierten US-Bürger über 250 Kleinkinder in Guatemala. In El Salvador bearbeitete die nordamerikanische Botschaft rund 150 Adoptionsanträge, von denen etwa 100 genehmigt wurden.

Adoptionen in Mittelamerika sind ein Geschäft, auch wenn die Beteiligten dies bestreiten. Aus „Fürsorge und Nächstenliebe“ will Elodia McDermoth, eine honduranische Rechtsanwältin, gehandelt haben, als sie 13 Kinder in einem Haus in Choloma in der Nordprovinz Cortes unterbrachte. Die Anschuldigung, die Kinder ihren Mütter für ein paar honduranische Lempiras abgekauft zu haben, wies sie energisch zurück. Geld, so Elodia McDermoth, sei nur geflossen, weil sie „die kinderreichen und armseligen Mütter unterstützen“ wollte.