Rezensenten beschleicht selten die Wehmut. Aber ab und zu läßt sich diese Regung nicht unterdrücken: Welch’ ein Thema! Wie günstig der Zeitpunkt! Wie groß vermutlich das Interesse! Und all’ diese Vorteile werden verschenkt in dem Buch:

Wege in die Zukunft. Neubau- und Ausbaustrecken der Deutschen Bundesbahn; herausgegeben von Knut Reimers und Wilhelm Linkerhägner; Hestra-Verlag, Darmstadt 1987; 272 S., 86,-DM.

"Seit einigen Jahren baut die Bahn an ihrer Zukunft. Zwischen Hannover und Würzburg sowie zwischen Mannheim und Stuttgart entstehen neue Strecken für Tempo 200 bis 250", heißt es im Begleitschreiben des Verlages. "Den beteiligten Fachleuten ist es mit diesem Buch gelungen, eine einmalige und umfassende Dokumentation über die Neubau- und Ausbaustrecke zu erstellen."

Der erste Teil des Zitats ist richtig, der zweite leider falsch. Hier haben Fachleute entweder für Fachleute oder für bereits wohlinformierte Laien geschrieben, und wer nicht weiß, was beim Tunnelbau ein "Massenausgleich" oder beim Wagenbau ein "bombierter Querschnitt" ist, wird durch die Lektüre nicht viel klüger. Bei (fast) allen Beiträgen hat ein nicht-fachmännischer Lektor gefehlt, der mit der gebotenen Neugier rote Fragezeichen an den Rand hätte malen müssen: "Was ist das ?"

Die Techniker-Autoren werden diese Kritik kaum verstehen, geschweige denn akzeptieren. Schließlich haben sie sich alle Mühe gegeben, "verständlich" zu schreiben, was jeder bestätigen wird, der einmal einen Blick in ein technisches Regelwerk geworfen hat. Dennoch überfordern sie den technischen Laien, der – das sei unterstellt – mit diesem Buch für eine ungewöhnliche Leistung interessiert werden sollte.

Das Problem ist nicht neu. Jeder Zweig der Wissenschaft und Technik hat mittlerweile seinen Fachjargon, der für die Eingeweihten die Kommunikation erleichtert, dem Laien aber den Zugang erschwert. Es fehlt an "Übersetzern" und vielleicht auch an der Bereitschaft, diese "Übersetzungsarbeit" als eigenständigen Beitrag zu würdigen. Jedenfalls wäre es schade, ein Jahrhundert-Bauwerk zwar zu benutzen, aber nicht in seinem Wert zu begreifen – und das nicht nur, weil die Deutsche Bundesbahn Anerkennung wie Aufmunterung verdient. Horst Bieber