Er ist der klassische Funktionär. Doch jetzt soll Li Peng, Chinas neuer Ministerpräsident, den Bürokraten Beine machen.

Deng Xiaoping lobte ihn als einen tüchtigen Mann, der seine Sache als stellvertretender Ministerpräsident "wirklich nicht schlecht" mache. Doch daß Li Peng, der 59 Jahre alte Elektroingenieur aus der Provinz Sichuan, es zum Regierungschef der Volksrepublik China gebracht hat, verdankt er vor allem der Fürsprache von Dengs beharrlichen Widersachern wie dem konservativen Ökonomen Chen Yun. Am vergangenen Wochenende bestätigte der Nationale Volkskongreß Li Peng in dem Amt, das er bereits seit einem halben Jahr verwaltet hat.

Kein enthusiastischer Reformer, aber auch kein Betonkopf, mehr Technokrat als Ideologe, war Li Peng stets der Kompromißkandidat, wenn die Modernisierer und die orthodoxen Marxisten in Pekings Parteiführung sich bei der Postenvergabe einigen mußten. Zhao Ziyang, bis zum Herbst Ministerpräsident, seither als ZK-Generalsekretär an der Spitze der Partei, soll über die Wahl seines Nachfolgers allerdings nicht besonders glücklich gewesen sein. Zhao hätte lieber einen energischeren Verfechter der "planmäßigen sozialistischen Marktwirtschaft" auf seinem Sessel gesehen.

Li Pengs Vater, der Schriftsteller Li Shuoxun, wurde wegen der Teilnahme am Nanchang-Aufstand vom 1. August 1927 von den Nationalisten 1931 umgebracht. Der spätere Ministerpräsident Zhou Enlai adoptierte den Dreijährigen, der mit siebzehn Jahren der KP beitrat. Die Partei schickte ihn 1948 zum Studium an die Moskauer Hochschule für Kraftwerkbau. 1955 nach China zurückgekehrt, arbeitete Li Peng als Chefingenieur und Direktor in zwei großen Kraftwerken im Nordosten des Landes, bevor er 1966 nach Peking versetzt wurde. Vor der Verfolgung durch die Roten Garden, die ihn als "Spion Moskaus" schmähten, bewahrte ihn Tschou En-lai.

Li, der fließend Russisch spricht, ist bereits zweimal in Moskau mit Michail Gorbatschow zusammengetroffen. Doch der neue Ministerpräsident, offiziell nun die Nummer zwei in der Pekinger Hierarchie, bewegt sich auf Großbaustellen und in Fabrikhallen noch immer sicherer als auf diplomatischem Parkett. Ohnehin haben die innenpolitischen Aufgaben Vorrang: Kampf gegen die Inflation, bessere Versorgung der Stadtbevölkerung mit Nahrungsmitteln, mehr Effizienz in den Betrieben. Die Reformer wollen die Verwaltung straffen, Schlendrian und Routine sollen ein Ende haben. Soll die Modernisierung Chinas gelingen, dann muß Li Peng in den Amtsstuben für frischen Wind sorgen.

Matthias Naß