Wer einzig nach der Macht und nicht hin und wieder zur Feder greift, ist in der Französischen Politik fehl am Platze: Das Volk verlangt von seinen Regenten, daß sie auch eine literarische Ader haben. Charles de Gaulle zählt zu den großen französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Nachfolger Georges Pompidou gab eine vielgelesene "Anthologie französischer Lyrik" heraus. Von seinem Erstlingswerk dEstaing über eine Million Exemplare "Wenn ich hätte Schriftsteller werden wollen, wäre ich es geworden. Aber ich hatte eine größere Neigung zur Tat", bekannte Präsident Francpis Mitterrand, der ein Dutzend Bücher geschrieben hat.

Eine Art Minderwertigkeitsgefühl schwingt in Mitterrands Worten mit: "Zwar bin ich nur ein Politiker, doch hätte ich fraglos auch das Zeug zum Schriftsteller Diese leicht prahlerische Anwandlung scheint durchaus begreiflich in einem , Land, in dem man etwa in der Bäckerei "Moliere" sein Brot kauft, sich im Friseursalon "Voltaire" eine modische Dauerwelle legen und in der Tankstelle "Victor Hugo" seinen Wagen warten läßt. Bis in die Niederungen des Alltags ziehen sich die Spuren der Literatur. Literatur ist wichtig.

Letzte Woche veröffentlichte Francois Mitterrand einen dreizehn Zeitungsseiten langen, recht literarischen "Brief an alle Franzosen", in dem er sich zur Wiederwahl empfahl. Er tat es auf so elegante Weise, daß selbst der rechte Präsidentschaftsanwärter Raymond Barre spöttisch und doch stark beeindruckt anmerkte, Mitterrands Prosa gemahne ihn stellenweise an den romantischen Dichter Lamartine. Auch der Premierminister und gaullistische Spitzenkandidat Jacques Chirac räumte ein, der Brief sei "gut geschrieben". In der Tat, Mitterrands stilvolle Zweck- und Denkschrift liest sich flüssig, so zum Beispiel, wenn er über seinen kürzlichen Besuch in der Sanitätsstation eines Pariser Hifswerks berichtet: "Die kleine Volksansammlung, die sich darin drängte, war mit jener unendlichen Geduld gewappnet, welche den Entbehrlichen und längst Abgeschriebenen eigen ist; sie warteten, daß die Schlange vor dem Notfalldienst schwände. Und auch die freiwilligen Ärzte, Krankenschwestern, Sozialarbeiterinnen und Studenten waren unendlich geduldig; sie wußten, daß sich das Pensum menschlichen Unglücks niemals abarbeiten läßt und dennoch jeder mitmenschliche Akt Heil bringt. Einem jungen Mädchen liefen Tränen über die Wangen - sie schaute zur Decke und schwieg. Alle trugen das Kleid der Armut Solche einfühlsamen Schilderungen haben sonst in Wahlprogrammen nichts zu suchen. Aber der Kandidat ist eben auch ein Literat. Die vom französischen "Literaturpapst" Bernard Pivot herausgegebene Zeitschrift Lire ("Lesen") lobt Mitterrands "Ausdruckskraft", die "Genauigkeit der Wortwahl" und die "Akribie der Wendungen". Lediglich der "leicht provinzielle" Duktus wird bemängelt: "Dieser Autor hat ein schweres Handikap, er nennt sich Franc ois Mitterrand "

In Frankreich gelten strenge Maßstäbe. Wer unkultiviert ist, zählt nicht zur Elite. Wer nicht schreibt, setzt sich dem schlimmen Verdacht aus, daß er nicht schreiben kann. Fast wichtiger als das Parteibuch ist ein spannender Roman, ein glänzender Essay, eine ätzende Streitschrift oder sogar ein Bestseller, wie ihn Valery Giscard dEstaing eben erst herausgebracht hat - Titel: Le Pouvoir et la Dieses Erinnerungsbuch ist gespickt mit Anekdoten, kleinen Indiskretionen und stilvollen Taktlosigkeiten. Ein Exempel dafür liefert jene Passage aus dem Kapitel über die "Frauen im öffentlichen Leben", in der Giscard von einer Wahlkampfversammlung in der Provinz erzählt. Es war ein milder Apriltag vor sieben Jahren. Als feurige Vorrednerin trat die Bildungsministerin Alice SaunierSeite auf, die das Publikum im Bann hielt. Giscard berichtet: "Ich schaue ihr zu, wie sie vor mir steht und spricht, leicht zur Seite gewandt. Sie hat einen muskulösen Körper. In ihren Bewegungen liegt eine raubkatzenhafte Geschmeidigkeit. Ihre Beine sehen braungebrannt aus. Ein eigentümlicher Gedanke geht mir durch den Kopf: Wenn sie liebt, ist sie bestimmt auch so ungestüm "

Die Franzosen sind nicht prüde und freuen sich an den Amouren ihrer Politiker. Niemand stößt sich daran, daß der frühere gaullistische Generalsekretär Yves Guena in seinem historischen Romm über den glücklosen Römer Catilina mit billiger Erotik (" Noch einmal, noch einmal, flüsterte sit") nicht eben sparsam umgeht. Und Mitterrands Ritgeber Regis Debray gereicht es keineswegs zum Nachteil, daß erin seinem jüngsten Buch Intimstes ausbreitet.

Auch Giscard geht ein Stück weiter, als es sich deutsche und britische, geschweige denn amerikanische Politiker leisten könnten. Sein vierhundert Seiten starker Band wird der Verlegerin - einer Tochter von Giscard - viel Geld einbringen. Doch kommt es dem Autor wohl weniger auf den kommerziellen Erfolg als auf die politische Wirkung an. Nicht zufällig erscheint die Anekdoteisammlung gerade jetzt, mitten im Präsidentsciiaftswahlkampf. Giscard, der Nicht Kandidat, dem die Mehrzahl der Franzosen nach wie vor ihre Gunst versagt, möchte sich zeigen.

Von Kapitel zu Kapitel zeichnet er das einnehmende Selbstbildnis eines Politikers, dem die große Politik. Sein Erinnerungsbuch ist darauf angelegt, mit den Franzosen und ihrer öffentlichen Meinung endgültig Frieden zu schließen. Es läßt den sympathischen, unkomplizierten, ja vergnügten Giscard der Anfangsjahre, bevor er sich dem Volk entfremdete, Wiederaufleben. Und der gewünschte Erfolg bleibt nicht aus, Giscards Popularitätskurve weist derzeit wieder nach oben.