Von Gottfried Sello

In einem zeitgenössischen Bericht wird er, nicht spöttisch, sondern durchaus respektvoll als „begierige Kunstbiene“ tituliert, was Joachim von Sandrart, den erfolgreichsten und meistbeschäftigten deutschen Maler des 17. Jahrhunderts und Verfasser der ersten Kunst- und Künstlergeschichte in deutscher Sprache, knapp und treffend charakterisiert. Mit Bienenfleiß und enormem Sachverstand hat er sein Leben lang das Material zusammengetragen, das er 1675 unter dem Titel „Teutsche Academie der Edlen Bau-Bild- und Mahlerey-Künste“ veröffentlichte. „In diesem herrlichen Werk“, tönt es vollmundig in der Einleitung, „werden die Geheimnisse besagter Profession, soviel beydes zur Theorie und Practica gehörig, ganz klar und deutlich vorgestellet; also daß, was unsere Vorfahren mit Leib- und Lebensgefahr, mit schwerem Kosten und Verzehrung ihres Vermögens, durch lange verdrießliche Reisen und Besuchung fremder Länder haben suchen müssen, nunmehr ein Kunstliebender aus diesem Buch viel bässer als in Italien, Frankreich und anderer Orten ersehen, ergreifen und begreifen kann“.

Die „Teutsche Academie“ ist eine der wichtigsten kunsthistorischen Quellen, vor allem in den Partien, wo Sandrart aus eigener Anschauung schreibt. Er kannte ungefähr alles, was in der Zunft Rang und Namen hatte, und weil er aus gut situierten Kreisen stammte, konnte er es sich leisten, als artiste-amateur quer durch Europa zu reisen. Er hat Rubens auf einer seinen diplomatischen Reisen begleitet, er ist mit Honthorst an den englischen Königshof gefahren. Ein Jahr später, 1629, taucht er in Venedig auf und wohnt einige Monate bei seinem exzentrischen Landsmann Johann Lis, den er bei der Arbeit an seinen freizügigen Sittenbildern und bei seinen nächtlichen Eskapaden beobachtet. In Rom, wo er sechs Jahre bleibt, studiert er die Antikensammlungen, hat engen Kontakt zu Poussin und Claude Lorrain, dem er beibringt, vor der Natur zu zeichnen, und mit dem er Bilder tauscht. Zwischendurch unternimmt er eine Seereise nach Malta, um dort einen Caravaggio, die „Enthauptung des Johannis“, in Augenschein zu nehmen. Dann zieht er, nachdem er in Frankfurt eine vermögende Bankierstochter geheiratet hat, nach Amsterdam, wo gerade ein junges Genie namens Rembrandt von sich reden macht. Sandrart, im gleichen Jahr 1606 wie Rembrandt geboren, besucht den berühmten Kollegen und beweist wieder einmal sein sicheres Gespür für das, was wichtig ist in der europäischen Kunst.

Sandrart ist ein universal gebildeter Mann und exzellenter Kunstschriftsteller, der außer der „Teutschen Academie“ Bücher über antike Skulpturen und römische Brunnen sowie eine „Inconologie Deorum“ veröffentlicht und Ovids „Metamorphosen“, die Malerbibel, ins Deutsche übersetzt und kommentiert hat. Über diesen literarischen Aktivitäten ist der Maler Sandrart, von den Zeitgenossen als „Teutscher Apelles“ gefeiert, ins Abseits geraten (in „Kindlers Malerei Lexikon“ beispielsweise sucht man ihn vergeblich).

Ein zu Unrecht vergessener Maler, meint Christian Klemm, der ihm eine erste umfassende, wissenschaftlich fundierte und gut lesbare Monographie gewidmet hat. Was den Autor von vielen Monographieschreibern unterscheidet: Er hat nicht den Ehrgeiz, seinen Künstler, in den er jahrelange Arbeit investiert hat, hochzujubeln und in den ersten Rang der Malerhierarchie zu erheben, den er ernsthaft nicht beanspruchen kann.

Hauptteil und Kernstück des Buches ist der Katalog der Gemälde. Er umfaßt nicht weniger als 250 Seiten, auf denen die insgesamt 146 Werke (einschließlich der nur in Reproduktionsstichen oder Kopien überlieferten) abgebildet sind und ausführlich unter ikonographischen, biographischen, kunst- und geistesgeschichtlichen Aspekten erläutert werden.

Ein weit verstreutes Œuvre, die Bilder sind auf zahlreiche große und kleine Museen verteilt. Nürnberg besitzt einige wichtige Bilder, darunter das berühmte „Friedensbankett im Nürnberger Rathaus“, das Sandrart 1650 im Auftrag des Pfalzgrafen Karl Gustav gemalt hat, das prominenteste deutsche Beispiel eines Historikerbildes im 17. Jahrhundert.