Von Joachim Riedl

Noch ist es ein böser Scherz, mit dem in Wien die Kabarettisten nur allzugerne ihr Publikum im Kleinkunstkeller schrecken. Kronen Zeitung und Kurier, die beiden größten Boulevardzeitungen des Landes, hätten sich zu einer österreichischen Einheitszeitung zusammengeschlossen. "Nach dem Mega-Deal", lautete beispielsweise die Schlagzeile der frechen Wiener Stadtzeitschrift Falter zum 1. April: "Kronenkurier: Doppelt dumm!"

Doch diesmal handelte es sich keineswegs um einen Aprilscherz. Die Alpenrepublik scheint tatsächlich mit deutscher Hilfe dem seit vielen Jahren befürchteten Medienkartell einen Schritt näher gekommen zu sein. Am Montag dieser Woche billigten die zweihundert Gesellschafter der Kurier AG auf einer außerordentlichen Hauptversammlung den Verkauf von 45 Prozent ihrer Anteile an den Konzern der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Der Medienriese von der Ruhr hatte sich bereits vor einem Jahr 45 Prozent der marktbeherrschenden Kronen Zeitung gesichert. Zu einem Kaufpreis von insgesamt knapp 350 Millionen Mark erwarb das Essener Verlagshaus jedoch nicht nur Anteile an zwei Tageszeitungen mit zusammengenommen vier Millionen Lesern täglich, sondern auch an der modernen Großdruckerei der Kurier-Gruppe sowie an deren Mehrheitsbeteiligungen an zahlreichen Magazinen (darunter die beiden größten Wochenmagazine profil und Wochenpresse, das Wirtschaftsmagazin trend und die Zeitgeistillustrierte Basta. Bescheiden nennt WAZ-Geschäftsführer Erich Schumann sein österreichisches Imperium ein "gutes Investment".

Im Nachbarland wurde die Nachricht freilich weit weniger gelassen aufgenommen. Als kurz vor Ostern der Handel zwischen Kurier und WAZ ruchbar wurde, hallten noch die vielen Reden zum Gedenken an den "Anschluß" Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wieder. Sofort wurde von einem "neuen Anschluß" und vom "Ausverkauf der Pressefreiheit" gesprochen; die "Elefantenhochzeit" sei der "Medien-GAU", der größte anzunehmende Unfall, den die Medienvielfalt im Lande hatte erleiden können, hieß es beispielsweise in profil.

Der Präsident des Zeitungs-Herausgeberverbandes rief zu "erhöhter Wachsamkeit" auf. Auch Politiker zeigten sich betroffen. Er fühle sich "nicht ganz wohl dabei", bekundete der konservative Vizekanzler und Außenminister Alois Mock. Sein Koalitionspartner, der sozialistische Bundeskanzler Franz Vranitzky, "hätte es lieber gesehen, wenn keine Notwendigkeit bestanden hätte". Doch ein Kartellgesetz, welches das Geschäft hätte verhindern können, gibt es in Österreich nicht.

Zwar forderte die grüne Fraktion im Wiener Parlament vergangene Woche lautstark eine juristische Handhabe, um den Zusammenschluß rückgängig zu machen. Auch tagten die Medienexperten der beiden Großparteien in Sondersitzungen und berieten darüber, wie dem neuen Zeitungsmoloch zu begegnen sei. Doch bislang zeigte die österreichische Regierung wenig Lust zu einer Gesetzesinitiative. Wohl auch, weil die Politiker die geballte Kraft der Schlagzeilen von Kronen Zeitung und Kurier fürchten.

Schon bislang herrschte in Österreich eine einzigartige Pressekonzentration. Die Kronen Zeitung, die sich stolz die "relativ größte Tageszeitung der Welt" nennt, wird täglich von 2,9 Millionen Lesern studiert; das entspricht 47,3 Prozent aller Österreicher über 14 Jahre. Der Kurier erreicht mit 942 000 Lesern weitere 15,3 Prozent des Marktes. Kraft solcher Reichweite, die in Wien und im Osten Österreichs noch beträchtlich größer ist, wurden die beiden Zeitungsriesen zu Angstgegnern: Wer in ihnen anschafft, so die österreichische Binsenweisheit, dem gehört das Land.