Von Bartholomäus Grill

Hamburg, im April

Hier wohnen die Freunde des Bürgermeisters.“ So steht es neuerdings geschrieben auf der Balduintreppe, just zwischen den Häusern an der Hafenstraße. Die Touristen, die noch immer vorbeischauen, um die bunt-berüchtigten Gründerzeitbauten zu bestaunen, können den Spruch auf den Stufen nicht lesen – sie halten gehörigen Sicherheitsabstand. Sonst würden sie wohl anmerken, was vielen Hamburgern dieser Tage im Kopf umgeht: „Das hat er nun von seinen Freunden, der Dohnanyi.“

Die Lage im Umfeld der jahrelang umkämpften Objekte ist wieder einmal kritisch geworden, seitdem dort erneut militante Aktionen ablaufen. Da erwischten zum Beispiel in der Nacht zum Ostersonntag Zivilfahnder zwei Automarder in der Bernhard-Nocht-Straße in flagranti. Die Ertappten flohen kurzentschlossen in das „Störtebeker-Zentrum“, in eine der Kneipen in den Hafenstraßen-Häusern; die Polizisten holten Verstärkung. Kurz danach wurden die Beamten von vierzig bis sechzig Vermummten mit Steinen und Flaschen beworfen und zum Rückzug gezwungen. So lautet die amtliche Version. Discobesucher seien es gewesen, die direkt aus dem „Störtebeker“ kamen; es seien die wenigsten vermummt gewesen und nur wenige Steine seien geflogen, sagen die Bewohner.

Wie auch immer – Tatsache bleibt, daß vor den Häusern Ermittlungen gegen Straftäter vereitelt wurden. Derartige Zwischenfälle gefährden den mühsam ausgehandelten Modus vivendi zwischen dem Senat und den früheren Besetzern, den Vertrag, der alternatives Wohnen auf circa 4000 Quadratmetern garantiert – auf der Basis rechtsstaatlichen Verhaltens. Schon werden die Rufe derjenigen lauter, die von Anfang an gegen eine solche Lösung waren und dem Stadtoberhaupt Klaus von Dohnanyi seinen Alleingang im Herbst übelnahmen. Der Chef der CDU-Bürgerschaftsfraktion Hartmut Perschau forderte den Senat auf, den Pachtvertrag zu kündigen; Günter Elste, Fraktionsgeschäftsführer der SPD, sah in den österlichen Auseinandersetzungen ein „Präjudiz für das Scheitern des Projekts“. Von den Verantwortlichen war indes nichts zu hören; der Bürgermeister weilte auf Sylt, Sozialsenator Jan Ehlers im Ausland.

Unterdessen stehen die Zeichen auf Sturm, knapp fünf Monate, nachdem eine polizeiliche Räumung der Häuser abgewendet worden war. „Wunder an der Elbe“, schwärmten die einen, „Kapitulation des Rechtsstaates“, klagten die anderen. Gewonnen hatten damals, am Buß- und Bettag des vergangenen Jahres, die Kompromißbereiten auf beiden Seiten der Barrikaden. Der Stadtfrieden war erst einmal wieder hergestellt, als anderntags Hausbesetzer und Arbeiter der Baubehörde mit vereinten Kräften die Steine des Anstoßes, stahlarmierte Betonpoller zur „Abwehr“ von Räumfahrzeugen, entfernten. Der Lärm der Kompressoren, die sperrangelweit offenen Türen der Häuser, die Emsigkeit der „Schmuddelkinder“ stimmte so manchen Skeptiker zuversichtlich. Nun also sollte nach fünfjährigem Gezerre selbstbestimmtes Wohnen am Hafenrand möglich werden – der Bürgermeister hatte sein Wort darauf gegeben.

Freilich waren da noch ein paar Angelegenheiten zu klären: Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß, initiiert von der CDU-Opposition, sollte in Sachen Hafenstraße Licht in das Behördendunkel bringen und die Schlampereien des Senats aufdecken. In der Adventszeit begannen die Bewohner damit, die maroden Gebäude winterfest zu machen; sie verglasten Fenster, präparierten Wasserleitungen und dichteten Dächer ab. Handwerker setzten neue Türen ein. Der Senat hatte die hierfür erforderlichen Gelder bereits bewilligt (insgesamt eine Million Mark, davon kamen bis dato 170 000 Mark bei den Instandsetzern an). Außerdem hatte das Rathaus sogenannte Billigkeitsentschädigungen für jene Bürger, die in den entscheidenden Tagen des Häuserkampfes durch strafbare Handlungen der Besetzer zu Schaden kamen, in Aussicht gestellt.