Von Marcel Pott

Amman, im April

Die iranischen Führer werden eines Tages für den Frieden optieren, wenn sie schließlich einsehen, daß ihnen der Krieg mehr schadet als nützt.“ Einstweilen hofft der irakische Präsident Saddam Hussein auf diese Einsicht wohl vergeblich. Seine Prognose vom 18. März entspringt einem aus der Not geborenen Wunschdenken und verrät gleichzeitig das Dilemma des allmächtigen Herrschers über 15Millionen Irakis, der seit Jahren einem Frieden hinterherläuft, den der iranische Ajatollah Chomeini ihm nicht geben will.

Daran hat auch der verheerende „Städtekrieg“ nichts geändert. Weit über hundert Raketen schossen die Irakis allein auf die Wohngebiete Teherans ab, mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. „Wir werden die iranischen Städte in die Hölle bomben, bis der Feind bereit ist, am Verhandlungstisch zu erscheinen“, hieß es in irakischen Militärkommuniques. Aber solche martialische Drohung verfehlte die gewünschte Wirkung. Gut vorbereitet und flankiert von kurdischen Rebellen marschierten statt dessen iranische Revolutionsgarden ins irakische Kurdistan ein und brachten Bagdad an der Nordfront derart in Bedrängnis, daß die Irakis mit dem Einsatz chemischer Waffen antworteten.

Glaubt man den Angaben aus Teheran, so ist die Lage in Kurdistan für den Irak äußerst prekär. Die Revolutionsgarden haben fünftausend irakische Soldaten eingeschlossen und stehen kurz vor dem Staudamm des Darbandikhan-Sees, rund 120 Kilometer von Kirkuk entfernt, dem Zentrum der irakischen Ölindustrie. Das dort betriebene Kraftwerk versorgt Bagdad mit Elektrizität. Wenn die iranischen Truppen den Damm in ihre Gewalt bringen, ist nicht nur die Energiezufuhr Bagdads bedroht. Eine viel größere Gefahr besteht in der Möglichkeit, den Staudamm zu sprengen und weite Teile des Iraks zu überschwemmen.

Es ist das bekannte Muster dieses Krieges: Die iranischen Truppen stoßen an strategisch wichtigen Abschnitten der Front vor und setzen ihre Gegner mit ihrer Kampfkraft unter geschickter Nutzung des Geländes und nicht zuletzt mit ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit unter starken Druck. Trotz besserer Bewaffnung müssen die Irakis zunächst fast immer zurückweichen. Dem fanatischen Einsatz willen der Bassidsch (Freiwilligencorps) und der Revolutionswächter – aufgepeitscht von der Idee des Heiligen Krieges – haben die Irakis offenbar nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Selbst schwere Artillerie sowie die moderne Panzer- und Luftwaffe können die Offensiven des Iran nicht verhindern, der im Feld auch über eine bewegliche Kommandostruktur verfügt. Erst nach dem katastrophalen Verlust der Halbinsel Fao im Januar 1986 war die mißtrauische Parteiführung in Bagdad bereit, die restriktive Befehlsgewalt der irakischen Kommandeure zu erweitern. Zuvor hatten die Militärs – oft mitten in der Schlacht – erst in der Hauptstadt nachfragen müssen, um dringende taktische Entscheidungen treffen zu können.

Bereits seit 1982 befindet sich der Irak an der mit fast 1200 Kilometern endlos erscheinenden Landfront in einer wenig beneidenswerten Lage: Er ist in einem kräftezehrenden Abnutzungskrieg gefangen. Reduziert auf die Defensive kann seine Armee nur reagieren. Bedingt durch die iranische Entschlossenheit, den Gegner pausenlos in Atem zu halten, ist der Irak gezwungen, sein Vorgehen danach zu bestimmen, was Teheran unternimmt. An der Landfront ist er in die Enge getrieben. Aus dieser Lage will sich Saddam Hussein befreien, koste es, was es wolle. Denn es ist nicht auszuschließen, daß dem Iran eines Tages doch ein entscheidender Durchbruch gelingt und die arabisch-sozialistische Baath-Partei mitansehen muß, wie auf erobertem irakischen Boden ein islamischer Satellitenstaat von Chomeinis Gnaden entsteht. Der persische Erbfeind hätte damit dem Modell „Baath-Ideologie“ den ersten, zum Tode führenden Stoß versetzt.