Grenzen kennt der Choreograph Maurice Béjart nicht. „Warum unterscheidet man zwischen Mann und Frau?“ fragt der Prophet des „androgynen Tänzers“ zurück, als ihm das Hamburger Abendblatt jetzt einen Fragebogen vorlegt und wissen will: „Welche Eigenschaften schätzen Sie an einem Mann / einer Frau am meisten?“ Der in der Tradition der abendländischen Kultur Choreographien, ist auch mit der geistigen Welt des Ostens vertraut. Das verraten schon manche Titel seiner Tanzdramen („Golestan“, 1973; „Cinq No Modernes“, nach Texten von Mishima, 1984; zuletzt „Kabuki“ mit dem Tokio Ballett, 1986) oder jetzt die Anwort, Buddha sei seine Lieblingsgestalt in der Geschichte, Hokusai – neben Da Vinci – der Lieblingsmaler.

Wie die Mythen mischt Béjart die Musiken in seinen Tanz-Stücken. Klassiker und moderne Schlager: wenn sie ihm die richtigen Töne für eine Situation liefern, macht er auch da keinen Unterschied.

Nur ein flink mit fremdesten Geistesgütern jonglierender Künstler, der – durchaus nach „Tiefsinn“ schürfend – dem Zeitgeist tänzerisch auf den Fersen ist, kann so viele neue Arbeiten innerhalb kürzester Frist herausbringen. Nach der Auflösung seines „Balletts des XX. Jahrhunderts“ in Brüssel und der Neugründung des „Béjart Ballet Lausanne“ im Sommer 1987 hat der rastlose Einundsechzigjährige allein sechs neue Stücke herausgebracht oder in anderer Besetzung und Choreographie neu einstudiert. Und schon ist als Uraufführung bei den XIV. Hamburger Ballett-Tagen am 29. April eine neue Uraufführung angekündigt: „Über Ionesco – Hamburger Impromptu / Die Stühle“.

Für ein Elf-Tage-Gastspiel ist Béjart mit seiner neuen Truppe – in der wir viele seiner bekannten Tänzerinnen und Tänzer wieder sehen – an den Ort seiner jahrelangen Triumphe zurückgekehrt, in den „Cirque Royal“ von Brüssel. Natürlich hat er neue Stücke mitgebracht. „Souvenir de Leningrad“ ist einer der Ausrutscher in Kitsch und Schwulst, die es bei diesem großen Choreographen auch gibt. Peter der Große und Lenin, Tschaikowski und seine mäzenatische Muse, der Urvater des russischen Tanzes, Marius Petipa, und fünf russische Puppen in der Puppe: Zu donnernd banalen Sätzen von François Weyergans gibt es eine folkloristische Show, wie sie jedes Ausländer-Hotel an der Newa seinen Gästen anbieten könnte.

Als Uraufführung zeigt Béjart eine der für seinen Stil charakteristischen, mit den Mythen von Theater und Schaugewerbe spielenden Collagen. Der Titel ist schon das halbe Programm: „Patrice Chéreau (devenu danseur) régle la rencontre de Mishima et Eva Perón“. Der zum Tänzer gewordene Schauspieler Chéreau, als Regisseur für Schauspiel, Oper, Film und als Theaterdirektor eine große Gestalt des zeitgenössischen Theaters, arrangiert die Begegnung zwischen zwei kultisch verehrten Figuren der Darstellungskunst. Im Samurai-Gewand mit langem Schwert schleicht Eiji Mihara aus dem Zuschauerraum in den Bühnen-Ring. Der japanische Meister der Selbst-Darstellung, der doch stets wie in meditativer Trance in sich versunken bleibt, stößt auf die blonde Sirene der politischen Arena (Cecilia Mones), auf die inzwischen zur Titelheldin eines Musicals auf- (oder: abgewertete Heilige des argentinischen Volkes.

Spannender, witziger als die seltsam rituellen Spiele dieser beiden ist das sanft ironische Porträt, das Béjart von seinem Freund Chéreau zeichnet. Martyn Fleming schlendert über die Bretter, berauscht sich an Wagners „Götterdämmerung“, pafft sein ewiges Zigarillo, kratzt sich Kinnbart und wallende Mähne (obwohl das Urbild des Titelhelden die Haare inzwischen auf Tannennadel-Länge gestutzt trägt). Der Regisseur als Tänzer spielt der Gruppe etwas vor, verzweifelt dann, fängt sich wieder – und betrachtet voll Staunen die Verdoppelung seiner Partner durch „Spiegel“ -Gestalten.

Wer Chéreau nicht kennt oder die Filme nicht gesehen hat, die ihn bei der Arbeit zeigen, vermag den Witz der Anspielungen wohl nicht zu schätzen. Auch sonst bleibt manches in dieser „Opera-Ballet-fiction“, wie Béjart das Spiel nennt, in dem sich „die Götter der Kindheit über drei Kontinente hinweg die Hand reichen“, reichlich dunkel.

Schön aber das Schlußbild: Nach einem mehr angedeuteten als getanzten Pas de trois der Titelfiguren kommen alle Tänzerinnen mit spiegelnden Tabletts und trösten ?/verschütten? den einsam auf der leeren Bühne kauernden Patrice Chéreau mit Damenschuhen in allen Formen und Farben. („Die Truppe dankt dem Haus Rossi für die Schuhe zu dieser Produktion.“) Rolf Michaelis