Von Werner Schlegel Über das Gesicht des Kollegen vom Westdeutschen Rundfunk huscht der Ausdruck ungläubiger Fassungslosigkeit. Seine Finger umklammern den Mikrophonschaft fester, als suche er Halt daran, um sich von der kühlen metallischen Glätte die Gegenwart des Jahres 1988 bestätigen zu lassen, während er schweigend auf den Boden starrt. Dort, zwischen den Füßen des Belgiers Patrick Van Wanzeele und seines Schwagers Freddy, liegt eine fußballgroße Eisenkugel im Gras. Von ihrer rostzernarbten Oberfläche strahlt – zum Greifen spürbar – etwas Bedrohliches aus. Es ist ein Blindgänger, genauer: eine mit fünf Kilogramm Sprengstoff gefüllte britische Werfergranate aus dem Ersten Weltkrieg. Während Patrick – nicht gerade behutsam – das Massenmordgerät mit beiden Händen hochwuchtet, um es zu einem zehn Meter entfernten Weidenbaum zu tragen, schaue ich auf die Uhr: kurz nach zwei. Fünf Minuten, nachdem wir die morastige Wiese betreten haben, auf der sich im Sommer 1917 deutsche Stellungen befanden, sind wir bereits fündig geworden.

Zwei Stunden verbringen wir an diesem Samstagnachmittag des 26. März noch auf der Kuhweide, hinter einem Bauernhaus in der Nähe der Hauptstraße Ieper (Ypern) – St. Eloi – Meesen, in der belgischen Provinz Westflandern. In dieser Zeit ortet Patrick Van Wanzeeies Metalldetektor auf einer Fläche von höchstens 20 Quadratmetern ein umfangreiches Arsenal. Obwohl der Belgier das Gelände völlig unsystematisch abschreitet, schickt ihm das Gerät praktisch auf jedem Meter Boden ein Signal in den Kopfhörer.

Freddy Van Wanzeele, seit Freitagabend „unser“ Dolmetscher, gräbt jedesmal an den von seinem Schwager aufgespürten Stellen. Dabei kommen zum Vorschein: zahlreiche, rund drei Kilo schwere englische 7,5-Zentimeter-Schrapnellhülsen; einer der bei der Explosion wegfliegenden Verzögerungszünderköpfe aus Messing, 600 Gramm schwer und deshalb bei den Metallsuchern besonders geschätzt; murmelgroße bleierne Schrapnellkugeln in rauhen Mengen und deutsche Gewehrpatronen, mal einzeln, mal im Fünfer-Magazinstreifen. Dann meldet sich das Gerät besonders intensiv. „Das ist etwas sehr Großes!“ sagt Patrick. Er hat recht. Etwa dreißig Zentimeter unter der Erdoberfläche stößt der Spaten auf die erste von drei deutschen 10,5-Zentimeter-Granaten. Keine Blindgänger. Scharfe, nicht abgefeuerte Munition, denn die Geschosse stecken noch in ihren langen Messinghülsen. Auch sie landen am Fuß des Weidenbaumes. Weshalb sie überhaupt herausgeholt werden, will der WDR-Kollege wissen. „Patrick hat das mit dem Bauern so ausgemacht“, übersetzt Freddy aus dem Flämischen. Weshalb? „Damit sie irgendwann vom Bombenräumdienst abgeholt werden können.“

Ganz locker klingt dieses „Irgendwann“, so, als hätten wir nicht über Hochbrisantes, sondern über das Wetter gesprochen. Mich packt ein leises Schaudern, obwohl ich schon zum vierten Mal binnen drei Jahren in diesem Westfront-Abschnitt recherchiere. Aus einem Deutschland kommend, in dem sich kaum noch Spuren des Zweiten Weltkrieges finden lassen, fällt es mir immer wieder schwer, zu begreifen: Die Menschen in diesem Gebiet – im Deutschen Reich ehemals als „Ypernbogen“ bekannt, leben mit dem Ersten Weltkrieg. Er ist allgegenwärtig, knapp 70 Jahre nach seinem Ende.

Vier Jahre lang hatten sich zwischen Oktober 1914 und November 1918 die Kriegsgegner auf den wenigen Quadratkilometern im Halbkreis um die von deutscher Artillerie Stein für Stein zertrümmerte Kleinstadt Ypern im Grabenkampf ineinander verbissen. Von Bikschote bis Langemark/Poelkapelle im Norden, über Paschendale, Zonnebeke und den Polygonwald bei Beselare im Osten, bis Wytschate, Mesen und Ploegsteert im Süden war die flache, von zahlreichen kleinen Bächen versumpfte Landschaft von Schützengräben, Stacheldrahtverhauen, Betonbunkern und -unterständen durchzogen gewesen. Vor allem aber: Hier hatten Tausende und Abertausende deutsche, belgische, französische, kanadische, neuseeländische und australische Soldaten einen nicht endenwollenden Alptraum erlebt.

Meterweise kämpften sich damals die Infanterietruppen während der vier Ypernschlachten tage-, wochen- und monatelang voran, versuchten in einer um-und-um-gewühlten, granattrichterzernarbten Mondlandschaft inmitten von Artilleriebombardements „Erfolge“ zu erzielen. Dabei versanken Lebende und Gefallene, Kämpfende und Verwundete samt Ausrüstung oft spurlos in achseltiefem Schlamm, quälten sich Mensch und Tier durch ein Inferno aus Gas-, Pulver- und Verwesungsgestank. Bis zum bitteren Ende, der gnadenlosen Vernichtung fast einer ganzen Generation vor allem englischer und deutscher 18- bis 25jähriger junger Menschen.

Wie entsetzlich das erbarmungslose Ringen an der Westfront war, läßt eine nackte Zahl schwach erahnen: Über 100 000 Soldaten – etwa die Hälfte davon deutsche – werden bis heute im Ypernbogen vermißt. Vergangenheit? Geschichte? Nicht für die Flamen. Die Bevölkerung in den kleinen Dörfern und pappelumstandenen Einzelgehöften rund um Ypern wird ständig von dieser Vergangenheit eingeholt. Besonders im Herbst und Frühjahr, wenn beim Pflügen, Anlegen von Entwässerungsgräben oder anderen Erdarbeiten Überreste der Vermißten an das Tageslicht kommen.