Umstellt ist der Kanzler: vom Frühling. Die Magnolien sind rechtzeitig aufgeplatzt, und die Moore-Plastik mitten auf dem Rasen vor seinem Amtssitz entzückt sogar abgebrühte Bonner Journalisten aufs Neue. Es blüht, es ruckt und zuckt in der Natur; auf den Wiesen, wo die Soldaten vom Bundesgrenzschutz entlangflanieren, sprießt es weiß-blau, und die Bundesfahne pendelt mild im Wind. Kann man hier anders als luftig und heiter regieren?

Zumindest wissen wir nun, wovon wir regiert werden: von 227 Pfund Lebendgewicht, 17 weniger denn vor Ostern, das nunmehr auf einem Latschen (für Hochdeutsche: flache Sandale) nebst normalem Schuhwerk daherkommt, des entzündeten Zehs wegen. Seinen derzeit „vollen Glanz“ nannte Helmut Kohl dieses Outfit bei der Rückmeldung als Hauptakteur auf der Bonner Bühne.

Nach diesem Anflug von Ironie widmete er sich mit rüdem Ernst der Rezension sämtlicher Aufführungen in seiner Abwesenheit. Alles Unsinn, töricht, überflüssig – das haben wir uns doch gleich gedacht.

Unsinn, was die Wörner-Nachfolge anbelangt. Also doch nicht Riesenhuber als Verteidigungsminister oder gerade deshalb, wie der Spiegel beharrt? Die CSU findet Gefallen am Gedanken, Lothar Späth nach Bonn umzupflanzen, ob als Finanzminister oder auch als Verteidigungsminister, das ist ihr egal. Merke: Die nächste Klein-Epoche in der Ära des fußkranken Kanzlers zieht sich hin bis zur Schleswig-Holstein-Wahl. Dann ergeht auch diese Entscheidung.

Töricht ist es natürlich, Franz Josef Strauß zu denaturieren als „raunzenden Kröterich“, residierend in einem „Tümpelhofstaat“, getröstet vom Alkohol und alten Erinnerungen an löwenmutige Zeiten nachhängend. Wie wenig zynisch und wie gering überhaupt das Bedürfnis nach Zynismus in Bonn ist, zeigte sich übrigens an der Resonanz auf die verzweifelt um Witz bemühte Persiflage im Blatte der CDU-Sozialausschüsse. Wenige nur haben gelesen, was Kohl jetzt als erstens ungewöhnlich töricht und zweitens auch im Menschlichen nicht akzeptabel verbellt, und kaum einer hat sich im nachhinein amüsiert. Darf nach Barschel nicht mehr gehöhnt werden, es sei denn von Strauß gegen Kohl?

Überflüssig war das Gerede von einer Wiederauflage der sozialliberalen Koalition nach Maßgabe des Kanzlers, weil es keine Alternative zu ihm gibt. Das ist richtig, SPD und FDP haben nur gemeinsam mit den Grünen eine Anti-Kohl-Mehrheit im Bundestag. Womit das Wahlziel 1990 für die FDP feststeht: Eine Vielleicht-Mehrheit für alle Fälle mit der SPD bei Weiterführung der gehabten Regierungskoalition.

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