Von Heinz-Günter Kemmer

Das vierzigjährige Bestehen der auflagenstärksten deutschen Abonnementszeitung wurde nach Art des Hauses gefeiert. Erich Brost, Gründer und Herausgeber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen, griff nach langer Abstinenz noch einmal zur Feder und stellte befriedigt fest: „Die Führung des Unternehmens ist stark und geschlossen, die Mitarbeiter voller Hingabe an ihr Werk. Ihnen allen gebührt Dank für den außergewöhnlichen Erfolg der vierzig Jahre der WAZ.“ Damit hatte es sich dann. Kommentar eines Mitarbeiters: „Kein Fest, kein Geld – nicht mal ein Fläschchen.“

So nüchtern ging es bei der WAZ nicht immer zu. Altgediente Redakteure gedenken noch voller Wehmut der Gründerjahre, in denen man noch mit einem selbstgebastelten Spesenbeleg bei der „Hauptkasse“ Bargeld kassierte. Und sie erinnern sich fröhlicher Betriebsfeste, bei denen eine hauseigene Kabarett-Truppe auftrat und – zum Mißvergnügen der Eigentümer – das Lied der Legion Condor in „Vorwärts, Millionäre“ umtextete.

Zu den „Millionären“ zählte neben Brost sein Kompagnon Jakob – genannt Köbes – Funke, den der Inhaber einer von der britischen Militärregierung erteilten Zeitungslizenz 1948 zum Partner gemacht hatte. Brost war 1946 der erste Chefredakteur der in Essen erscheinenden Neue Ruhr Zeitung (NRZ) geworden, war aber kein Kind des Ruhrgebiets. Der Sozialdemokrat, der in diesem Herbst 85 Jahre alt wird, diente vor dem Kriege der Danziger Volksstimme als Redakteur und emigrierte 1936 nach England. Gleich nach dem Kriege kam Brost nach Deutschland zurück.

Mit Funke, der zuletzt Lokalredakteur bei der NRZ war, fand Brost den idealen Partner. Funke kannte sich im Revier aus, hatte glänzende Verbindungen und übernahm die Verlagsgeschäfte. Brost wurde Chefredakteur. Obwohl die WAZ gegen etablierte Konkurrenz antrat, hatte sie von Anfang an Erfolg. Wohl deshalb, weil die schon seit 1946 herausgegebenen Zeitungen – im Revier neben der NRZ vor allem die in Dortmund erscheinenden Blätter Westfälische Rundschau und Westfalenpost (später Ruhr-Nachrichten) – allesamt Parteizeitungen waren und das Volk damals von Politik nichts mehr wissen wollte.

Die WAZ hingegen war, so Brost, „die erste Zeitung ungebundenen Charakters, also unabhängig, aber sie war und ist keineswegs unpolitisch“. Es kam hinzu, daß Brost aus der Emigration Erfahrungen mitgebracht hatte und einen neuen Zeitungstyp kreierte. Die WAZ war damals flotter gemacht als die Konkurrenz, und die Leser honorierten das. Nicht unwichtig war schließlich das von den Briten zugeteilte Papierkontingent, das den Druck einer hohen Auflage zuließ.

Die Lizenz hätte es der WAZ erlaubt, im ganzen Lande Nordrhein-Westfalen zu erscheinen, aber von vornherein beschränkten sich Brost und Funke auf das Ruhrgebiet. Das wird schon in einer „Zum Neubeginn“ überschriebenen Stellungnahme in der ersten Ausgabe deutlich. Danach will die WAZ „insbesondere die Interessen der Bevölkerung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets berücksichtigen und ihre Stimme nach außen sein“. Mit dieser weisen Beschränkung war der Grundstein für den Erfolg gelegt. Denn im Gegensatz zu den Parteizeitungen, die ihre Ideologie bis in die entlegensten Landesteile ausbreiten wollten und dafür unrentable Lokalausgaben mit Mini-Auflagen unterhielten, konzentrierte sich die WAZ auf die Stadtlandschaft Ruhrgebiet mit kurzen Vertriebswegen und hohen Auflagen.