Dampfmaschine?“, unterbricht Professor Quadbeck-Seeger den Besucher, der ihn nach den sozialen und historischen Dimensionen der neuen Technik fragt. „Dampfmaschine? Nein. Viel mehr. Das ist... Feuer.“ Er ist begeistert. „Das ist... Prometheus.“ Der Chemiker Jürgen Quadbeck-Seeger ist achtundvierzig Jahre alt und Vorstandsvorsitzender der Knoll AG, einer Pharmatochter der BASF. Schwerpunkt der Forschung: Gentechnisch hergestellte Produkte gegen Herzinfarkt und Krebs. Am Fenster seines Büros steht ein Modell des DNA-Moleküls, und auf Zweifel, ob ein so komplexes Geschehen wie Krebs durch die Behandlung eines Gens, ob es überhaupt durch gentechnische Behandlung heilbar sein könne, ob Krebs nicht ebenso komplex sei wie höheres Leben, kommt wieder die begeisterte Gewißheit: „Es kann passieren, während wir hier sitzen. Es kann morgen passieren ...“

Dr. Regine Kollek zögert: „Sicher, es ist ein faszinierendes Gebiet. Aber abgesehen von den Risiken“ – denn die Forschung an Krebszellen sei tatsächlich ein Spiel mit dem Feuer – „es gibt Grenzen, jenseits derer man der Schöpfung ins Handwerk pfuscht.“ Vor vier Jahren hat sie aufgehört, über Mäuseviren zu forschen – aus Widerwillen gegen die „zweite Schöpfung“, und weil die Krebsforschung zu viele unkalkulierbare Risiken birgt – für die Forscher und für die Umwelt.

Der Chef des Pharmaunternehmens und die Molekularbiologin – mehr als zwei Jahre lang haben sie miteinander arbeiten müssen: in der Enquete-Kommission „Chancen und Risiken der Gentechnologie“ des Deutschen Bundestages. Er als Experte und sie als Mitglied des wissenschaftlichen Sekretariats.

„Ob es so sinnvoll ist, immer noch mehr Chemie und Technik auf den Boden loszulassen?“ Das fragt sich Heinrich Seesing. Ein Wappen von Kalkar hängt an der Wand und im Fenster ein Glasbild vom Heiligen Sebastian. Heinrich Seesing hat einen parlamentarischen Kompromiß mitgetragen, der das kaum ausschließt. Mit dem Brüter hat der ehemalige Schulrektor immer noch Ärger, Obmann für Gentechnik seiner Fraktion ist er, und nun sitzt er auch noch in der Enquete-Kommission für „globale Klimaveränderungen“. Im wissenschaftlichen Dienst des Bundestages gebe es kaum Naturwissenschaftler, klagt er, alles müsse man sich selbst zusammenkratzen. Und die Ministerien seien auch nicht gerade auskunftsfreudig.

„Sicher, mit der Evolution sind wir nicht klargekommen“, lacht die Zahnärztin Dr. Hanna Neumeister, die der Deutschen Rheuma-Liga und der Bundesvereinigung Gesundheitserziehung vorsteht, aber: „Haben wir nicht schon immer unwahrscheinlich viel geändert und gezüchtet?“ Und die Methoden seien doch phantastisch: „Denken Sie nur an die vielen neuen Enzyme...“ Dieser Meinung ist auch Jürgen Walter vom Hauptvorstand der IG Chemie, der die Grünen und ihren Naturbegriff nicht versteht: „Sind wir denn nicht auch Natur?“, sagt er. Oder: „Die Welt wird komplexer, aber doch nicht schlechter.“ Angst habe er, wenn überhaupt, vor der Menschenzüchtung. Aber da habe die Kommission einen Riegel vorgelegt. Doch Tiere, Pflanzen, Mikroorganismen? „Das kann man kontrollieren. Und das muß man auch. Ich bin doch nicht von der FDP.“

Deren Vertreter wiederum, der studierte Philosoph Roland Kohn, sieht, daß man mit der Gentechnik an die Grenzen des liberalen Credos, sprich in die Nähe der Notwendigkeit von Techniksteuerung gerät. „Ich habe zwei Horrorvisionen: Erstens, daß etwas Irreversibles passiert in der Umwelt. Und zweitens, daß der Staat Menschen schafft mit genau den Eigenschaften, die er haben will.“ Zumindest das zweite sei selbst als Möglichkeit kaum in Sicht. Aber als Pessimist glaube er: Wenns schlecht kommen kann, dann passierts auch. Und für Wolf-Michael Catenhusen, den Vorsitzenden der Kommission, ist die Gentechnik „die größte Versuchung, vor der die Menschheit je stand“.

Siebzehn Experten und die Evolution, siebzehn Bürger und siebzehn Meinungen über die Gentechnik – es ist ein wenig wie die Geschichte mit dem großen grauen Tier, das eines Tages in die Hütte trat und das Licht versperrte. Alle standen drum herum, draußen und drinnen. Später berieten sie, aber einer hatte nur das Hinterteil gesehen und einer schmale Augen, einer die spitzen Zähne und einer die gewaltigen Füße mit fünf Zehen; einer dachte an den schönen Schatten, den das Tier warf, einer an die glatten schwarzen Haare, und einer schwärmte von der Kraft des Tieres. Einer dachte eher an die Fragilität der Strohhütten. Und einer fragte, ob es sich überhaupt nur um ein einziges Tier gehandelt habe. Einigen konnten sie sich nicht. Das Tier stand da, schnaubte leise und wartete.