Da schreibt eine „Leningrader Dozentin“ namens Nina Andrejewa einen bissigen Grundsatzartikel, der in der einflußreichen Zeitung Sowjetskaja Rossija (Sowjetrußland) mit großer Aufmachung erscheint: „Ich kann meine Prinzipien nicht aufgeben“, lautet programmatisch die Überschrift.

Dieser Satz allein ist nichts Aufregendes. Bemerkenswert war jedoch, daß dieser Aufsatz ein vernichtendes Urteil über Gorbatschows Reformkonzept der perestrojka fällt. Laut Andrejewa führt nämlich der geplante politische, wirtschaftliche und kulturelle Umbau der Sowjetgesellschaft zur Abdankung des Sozialismus. Frau Andrejewa rühmt demgegenüber den Heroismus des Sowjetvolks und besingt Stalin als den größten Parteiführer aller Zeiten. Sie warnt, es werde sich ein dekadenter, „linksliberaler Intelligenzler-Sozialismus“ mit abstrusen „modernistischen Attitüden“ und einer „Tendenz der Gottessucherei“ breitmachen. Nicht mehr lange, dann müsse der Sozialismus „durch Eingreifen des Staates“ gerettet werden.

Der Artikel wurde herumgereicht, vervielfältigt und diskutiert: Hat diese Andrejewa (oder wer auch immer sich hinter diesem Namen verbirgt) vielleicht recht, wenn sie stolz auf die von Stalin gelegten Fundamente des heutigen Sowjet-Weltreichs verweist?

Drei Wochen später, am 5. April, konterte das offiziöse Parteiblatt Prawda mit einer schulmeisterlich abgefaßten Entgegnung: „Die Prinzipien der Umgestaltung: revolutionäres Denken und Handeln“, überschrieb das Blatt die Rechtfertigung. In dem Text wurde eingestanden, daß die Reformen mißverstanden werden könnten als ein Versuch der „Demontage des gesamten Systems des Sozialismus“. Doch die Ansichten der Dame aus Leningrad seien eine „konservative und dogmatische Position“, die mit dem Reformkurs der Partei unvereinbar sei. Vor allem habe die Autorin den Grundgedanken der Erneuerung noch nicht begriffen: „Mehr Offenheit, mehr Initiative, mehr Verantwortung“.

Auch wenn dies ein inszenierter Schlagabtausch war, so bedeutet diese Veröffentlichung eine Eskalation in der perestrojka Debatte: Die rechten Umbaukritiker gehen mit Nostalgie-Argumenten in die Offensive und beharren darauf, daß die heutige Sowjetunion ohne Stalin nicht wäre, was sie ist: eine leistungsfähige, kollektivistisch organisierte Industriemacht auf dem Boden einer genuin sozialistischen Tradition. Die für Gorbatschows Reformkurs entscheidende Gretchenfrage ist damit ins Zentrum gestellt: Wie hältst Du es mit dem Stalinismus? Die unbewältigt verdrängte Vergangenheit der Stalin-Ära ist gegenwärtiger als selbst zur Zeit der Entstalinisierung unter Chruschtschow.

Die Zeitungspolemik ist bedeutsam, weil über eine große Regionalzeitung gegen die offizielle Parteilinie Front gemacht und mit dieser zweifellos inszenierten Kampagne die Kontroverse bewußt angeheizt wird: Offenbar soll die Prawda nicht Ort der dogmatisch verabreichten Wahrheit, sondern Kombatant in einer öffentlichen Debatte sein.

Offenkundig will Gorbatschow diese Idee einer Revolutionierung der Lebensverhältnisse in den Köpfen der Bürger nicht von oben nach unten verordnen. Neues Denken läßt sich nicht befehligen, es muß gegen alle Widerstände der Tradition und des Apparats in der Debatte erst gelernt werden.