Sie waren mit neunzehn Jahren der jüngste Theaterregisseur Frankreichs, mit zweiundzwanzig bereits Theaterleiter. Kaum dreißig, inszenierten Sie an der Pariser Oper. Ihre Bayreuther Version von Wagners „Der Ring des Nibelungen“, zwei Jahre später, gilt als Jahrhundertereignis. Betrachtet man die Stationen dieser beispiellosen Karriere, ergibt sich das Bild eines Mannes, der sich seiner Qualitäten sehr früh bewußt war.

PATRICE CHÉREAU: Dieses Bild ist ganz falsch. Ich war mir meiner Qualität nie bewußt. Ich bin es auch heute nicht. Es gibt ein Alter im Leben, da hat man den Mut zu sagen, ich bin jung, ich mache mein Werk. Jeder Zwanzigjährige spricht so. Dahinter steckt auch ein Stück Arroganz. Das ist ganz normal. Aber das geht vorüber.

In Ihrem Fall war es so, daß Sie den Pariser Theaterkritikern Einladungen schickten.

CHÉREAU: Ich habe drei oder vier Kritiker eingeladen, die ich persönlich kannte. Aber ich habe nicht gesagt, kommen Sie, es wird wunderschön sein. Ich habe nie das Gefühl, daß das, was ich mache, geglückt ist. Ich zweifle immer. Ich glaube, daß Zweifel Kraft gibt. Selbstzufriedenheit wäre das Ende.

Gibt es Inszenierungen, die Sie für nicht gelungen halten?

CHÉREAU: Ja, viele. Ein Drittel des „Ring“ war bei der Premiere ganz schlecht. Der dritte Akt „Walküre“, furchtbar. „Siegfried“, entsetzlich! Das habe ich dann verbessert. Ein gewisses Ungenügen blieb trotzdem.

Macht Ihnen Theater heute die gleiche Freude wie zu Anfang Ihrer Karriere?