Von Petra Kipphoff

In einem breiten, fleischigen Gesicht sitzen zwei kleine Augen, eine feine, langgezogene Nase, ein winziger Mund; die Frage, ob Haupthaar oder nicht, wird von einem schrägsitzenden Barett verdeckt, ein massiver Hals ruht auf breiten Schultern: Heinrich VIII., gemalt von Hans Holbein d.J., dem aus Augsburg gebürtigen, in Basel zu Ansehen gekommenen Künstler, der 1524 die Stadt des herannahenden Bildersturms verließ und 1526 nach London ging. Erasmus von Rotterdam, den Holbein 1523 portraitiert hatte, hatte ihn über einen Freund in Antwerpen nach London empfohlen, und schon am 18. Dezember 1526 schrieb Thomas More, der literarische Schöpfer eines Idealstaats namens "Utopia" und Vater aller folgenden Utopien, an den Kollegen in Basel: "Ihr Maler, teurer Erasmus, ist ein wunderbarer Künstler, aber ich fürchte, daß der Boden in England nicht so fruchtbar sein wird, wie er gehofft hat; des ungeachtet werde ich alles Erdenkliche tun, damit er ihn nicht gänzlich unbebaubar findet."

Thomas More, seit 1529 Lordkanzler des Königs, auf dessen Befehl er 1535 enthauptet wurde, weil er ihn nicht als Oberhaupt der Kirche anerkennen wollte, ebnete Holbein nicht nur die Wege, er selber wurde auch zum Auftraggeber des Malers. Er bestellte ein großes Familienportrait, von dem zwar heute nur noch eine Kopie von Rowland Lockey existiert, das aber quasi in seinen Einzelheiten erhalten ist. Acht dieser Vorzeichnungen sind jetzt, zusammen mit zweiundvierzig weiteren Portraitzeichnungen von Mitgliedern des englischen Hofes (sie alle gehören zum Bestand der königlichen Sammlungen in Windsor Castle) in der Hamburger Kunsthalle ausgestellt – oder auch: machen den kleinen Kuppelsaal, in dessen Rund sie aufgereiht sind, zum Preziosen-Kabinett. Im Halbdunkel des Raumes leuchtet hier ein Inkarnat sanft auf, schält sich dort eine Profillinie heraus, kommen die historischen Personen und ihre in Holbeins Zeichenkunst überlebenden Darsteller in einer stillen Begegnung postum zusammen.

Sie alle waren, mehr oder weniger, in die Turbulenzen ihrer Zeit verwickelt, waren Täter, Opfer, manchmal erst das eine, dann das andere, oder auch nur Zuschauer. Holbein, für den ein Kunde ein Kunde und ein Auftraggeber ein Auftraggeber war, zeichnete Thomas More und Kardinal Fisher ebenso wie, ein paar Jahre später, Richard Baron und Lord Audley, die an der Verurteilung und Hinrichtung Mores und Fishers maßgeblich beteiligt waren. Holbeins eigene Stellung, ab 1537 wird er offiziell zum Hofmaler ernannt, schien nie wirklich gefährdet. Die Erlebnisse in Basel, in das er von 1528 bis 1532 vorübergehend zurückgekehrt war und wo er am 9. Februar 1529 die Vernichtung eigener früher Werke durch die Bilderstürmer mit erlebte, könnten ihn in seinem Bestreben, sich und seine Arbeit von der politischen Parteinahme fernzuhalten, bestärkt haben.

Die kühle Objektivität Holbeins: man kennt sie aus den Portraits des Erasmus oder More, des Kaufmanns Georg Gisze, Heinrichs VIII. und aus dem elaborierten Doppelportrait "Die Gesandten". Bei sorgfältigster Inszenierung des Ambientes verraten die Physiognomien, anders als zum Beispiel bei Dürer, kaum eine Emotion. Sachlichkeit im Gewand der Urbanität. Und die reine Sachlichkeit bleibt übrig, wenn Holbein, beim erneuten Aufenthalt in Basel, die eigene zurückgelassene Familie malt und auch damit die endgültige Rückkehr nach London beiläufig begründet: eine verhärmt verweinte Frau, zwei trostlos dreinschauende Kinder.

In London waren die Verhältnisse ähnlich wie in Basel und doch ganz anders in ihrer Alltagsrealität. Waren Luthers Aufstand gegen Rom und die Gründung der protestantischen Kirche eine ideologische Tat, so waren die Motive, die Heinrich VIII. zum Dissens mit dem Papst und der Gründung einer eigenen anglikanischen Kirche brachten, zunächst genealogischer, dann erotischer und schließlich machtpolitischer Natur. In Heinrichs Reich der wechselnden Königinnen (zwei der sechs wurden wegen Untreue enthauptet) und der damit wechselnden Machtkonstellationen wußte Holbein sich zu behaupten, obwohl er durch die Aufgabe, dem König per Portrait Entscheidungshilfe zu leisten bei der Auswahl potentieller Bräute, in heikle Situationen geriet. Von Jane Seymour, der dritten Königin, die Heinrich den lang ersehnten Thronerben schenkte, aber zwölf Tage nach der Geburt starb, fertigte er ein Bild an, das offensichtlich die Realität (sie war von "mittlerer Statur und ohne große Schönheit", schreibt ein Zeitgenosse) mit schlichter Würde rahmt; den kleinen Prinzen zeigt er im zweiten Lebensjahr als ein zur königlichen Puppe drapiertes Kind.

Die Vorzeichnungen zu den Portraits von Jane Seymour und dem Prinzen von Wales gehören nicht zu den Glanzstücken der Windsor-Sammlung, aber gerade weil in diesem Fall die dazugehörigen Portraits bekannt sind, sieht man hier (wie auch in der Vorzeichnung zum More-Portrait) etwas von der Professionalität, mit der Holbein arbeitete: Mit einer knappen Linie wird die Kopfform umrissen, mit gleicher Sparsamkeit dann die Augenpartie, Nase, Mund markiert, der Verlauf von Hals, Schulter, die Kontur eines Kleidungsstücks angedeutet. Mit zarten Schraffuren, schwarzen oder farbigen Kreiden werden leichte Modellierungen vorgenommen, die aber nie die Kontur des Gesichts oder den Umriß der Halbfigur verwischen. Einige der schönsten dieser Blätter entstanden auf rosa getöntem Papier: Der Zeichnungsgrund wird hier zum Teil des menschlichen Gesichts, das mit Feder und Pinsel aus dem Blatt hervorgeholt, dessen Züge mit weißer Kreide oder Farbe gehöht oder mit dunklerer Tusche vertieft werden. Mehr als in den bis ins kleinste Detail durchgearbeiteten Portrait-Bildern scheint in diesen Zeichnungen die Struktur eines Gesichtes, eines Temperaments durch.