Von Sibylle Cramer

Emmy Moore, Angehörige der neuenglischen Oberschicht an der Ostküste, schreibt in einem Brief an ihren Mann: „Du mußt wissen, daß ich ein Bewunderer der westlichen Zivilisation bin.“ Das ist ein Satz, der aus einem Afrikadorf stammen könnte. Mit einem Schlag fallen die Briefschreiberin und die Welt, in der sie lebt, auseinander.

Innerhalb des femininen Weltbildes, das sie entwirft, rückt sie auf die andere Seite der Menschheit, dorthin, wo die Frauen allenfalls Berührungen mit der männlichen Zivilisation haben. Emmys primitive Kartographie spiegelt gewissermaßen den Weltzustand des Weiblichen, seine Kolonisierung, seine Geschichtslosigkeit. Das „türkische Problem“, das sie im Stile eines ungeschickt nachgeahmten amtlichen Bulletins erörtert, ist das Problem Emmy Moore.

„Out in the World“, „Draußen in der Welt“ sollte der Roman heißen, zu dem dieses Erzählfragment von Jane Bowles gehört. Emmy Moore, die ihrem häuslichen Leben den Rücken gekehrt und in Briefen an ihren Mann ein Neues Testament des Geschlechterverhältnisses verfaßt, ist gewissermaßen die erste Frau, die schreibt. Das Ende der weiblichen Sprachlosigkeit wird gezeigt, der stotternde Beginn des Schreibens. Mehr ein Sprechen als ein Schreiben, medial, Teil einer Korrespondenz, unabgelöst von der biographischen Person. Der Schritt zur Objektivation wird sowenig vollzogen wie eine bewußte Formentscheidung. Was sie dennoch leistet, zeigt die letzte Szene des Textes, der Moment des Schreckens nach der Abschrift des Briefes in ihr Tagebuch, das zur Veröffentlichung bestimmt ist. Die Angst vor der Irrealität ästhetischer Existenz wird da sichtbar und die plötzliche Einsamkeit der aus dem männlichen Definitionsraum ausgetretenen Frau. Das Fragment ist ein meisterlicher Text unmeisterlicher Rede.

Emmy Moore greift am Ende zur Flasche. Das Leben ihrer Autorin erscheint wie eine Verlängerung dieser Geschichte. Jane Bowles, Amerikanerin jüdischer Herkunft, war mit dem Komponisten und Schriftsteller Paul Bowles verheiratet, lebte aber in wechselnden Freundschaftsverhältnissen mit Frauen. Die Briefe im dritten Teil des Bandes spiegeln ein Leben, in dem alles aufs Spiel gesetzt und alles verloren wurde, Gesundheit, materielle Sicherheit, die Menschen, am Ende auch die Möglichkeit zu schreiben. Nach einem nomadischen Leben erlitt sie infolge ihrer Trunksucht einen Hirnschlag und starb nach langer Krankheit 1973 im Alter von 56 Jahren in einer spanischen Nervenklinik.

Die Liebe unter Frauen, die feinen Fäden, die an den Männern vorbei zwischen ihnen hin- und herlaufen, war ihr Thema in „Zwei sehr ernsthafte Damen“, dem einzigen vollendeten Roman, mit dem sie 1943 ein strahlendes Debüt feierte. Als er 1984 in deutscher Übersetzung erschien, leitete er die Entdeckung der Autorin bei uns ein. Ein Bühnenstück „Im Gartenhaus“, im vergangenen Jahr in München erstaufgeführt, hier nachzulesen, brachte ihr den schönen Titel „Miss Tschechow“ ein. Die beiden Mütter und ihre Töchter, die in ihrer lebenslänglichen Doppelhaft gezeigt werden, sind typische Bowles-Figuren, ineinander verkrallte Einzelgänger, hoffnunglos allein und nie getrennt.

Der Dialog zeigt nicht mehr die Einheit sich aufhebender Gegensätze. Die vereinzelten Intellektuellen von Jane Bowles objektivieren die Gegensätze und ziehen sie damit aus dem emotionalen Verkehr. Das Spiel der Gegensätze verlagert sich hinter den Dialog. Im Dialog selbst wird Theater gespielt, hinreißend komisches.