Von Norbert Jochum

Immer wird von Lumière mehr Zauber ausgehen als von Méliès. Jacques Rivette

In einer dieser modernen Städte, bunt und gläsern – Cergy-Pontoise vor Paris („Da hinten liegt La Defense, und dahinter der Eiffelturm!“), arbeitet Blanche im Rathaus in der Kulturverwaltung; in dieser neuen Stadt mit weiten Plätzen, auf denen zwischen gläsernen Kugellampen Bäume aus Betonkübeln wachsen, lernt Lea, einen Computer zu bedienen; in dieser Stadt, deren Hochhäuser ihre Helligkeit und Weite betonen, arbeitet Alexandre in der Verwaltung der Elektrizitätswerke; in dieser neu angelegten Stadt mit Plätzen über mehrere Eugen, wo Außen und Innen kunstvoll ineinander übergehen, hat Fabien eine Arbeit, bei der er einen weißen Kittel trägt; in dieser transparenten Stadt, wo man in den verspiegelten Hochhausfassaden den Himmel sieht, ist Adrienne Studentin an der Ecole Nationale d’Art; in dieser Stadt, in der es keine Straßen zu geben scheint, nur weite Plätze und hohe Passagen – begegnen sich eines Tages Blanche und Léa.

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Blanche und Lea sind bald miteinander befreundet: Blanche saß allein an einem Tisch in der Kantine des Rathauses; dann war Lea gekommen und hatte gefragt, ob sie sich dazusetzen dürfe. Blanche hatte gesagt: „Aber natürlich“, und Lea meinte, sie könne sich auch woanders hinsetzen, aber kaum sei sie allein, stürzten sich die Typen auf sie. Amüsiert (aber ich bin mir da nicht so sicher: dieses flüchtigen Moments, in dem die Sprache versagt und das Gesprochene nichts verrät; dieses flüchtigen Moments, in dem sich die Geheimnisse beinahe offenbart hätten, beinahe) sagt Blanche: „Hier ganz bestimmt nicht!“

Bald wissen wir von beiden, wo sie wohnen (Blanche im Belvedere – „Dem großen Ding?“ fragt Lea und nennt es eine Kaserne, aber Blanche sagt, es sei eher ein Palast –, und Lea wohnt – „was heißt: ich wohne, das ist einer meiner Fixpunkte“ – eigentlich bei ihren Eltern, aber dort ist sie nur manchmal am Wochenende), wir wissen, wie sie leben (Blanche allein, und Lea bei ihrem Freund Fabien), wir wissen, daß Leas Freund gerne Wassersport treibt, und daß Lea Wasser nicht mag. Dann beschließen die beiden, demnächst einmal gemeinsam schwimmen zu gehen. Im Schwimmbad werden sie Alexandre treffen, von dem Lea sagt, der ließe sie ziemlich kalt, und sie glaube auch nicht, daß er Blanches Typ sei, und sie sei kein Mädchen für ihn.

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