Von Bernd Rudolph

Wenn von Ernst Reuter die Rede ist, jener Berliner und wohl auch gesamtdeutschen Symbolfigur der frühen Jahre des Kalten Krieges, dann kennen seine Bewunderer und Verklärer keine Parteigrenzen mehr. Zum heroischen Freiheitskämpfer des überlebenswilligen Berlin wird er auch von jenen stilisiert, die zu seinen Lebzeiten harsche Kritik am „Regierenden“ im Rathaus Schöneberg übten. Der Kontrahent Adenauers, der auch Kurt Schumacher an Popularität innerhalb und außerhalb der SPD kaum nachstand, fällt mit seinen Lebensstationen so ganz aus dem Raster konventioneller Politikerbiographien.

Hannes Schwenger, Journalist und Literaturwissenschaftler in Reuters Stadt, enthüllt kein Denkmal dieses „Zivilisten im Kalten Krieg“. Willy Brandt und Richard Löwenthal haben das schon in den fünfziger Jahren getan mit einer Biographie, die nach Meinung Schwengers heute noch „wie ein gläserner Sarkophag über dem Toten“ ruht. Schwengers Fundgrube waren nicht die hymnischen Schriften über Ernst Reuter, sondern das, was er selbst an Schriften und Reden verfaßt hat. Hieraus destilliert der Autor ein facettenreiches Reuter-Bild, obendrein auch noch so bunt, daß all jene ihre Schwierigkeiten mit seiner parteipolitischen Zuordnung haben werden, deren Differenzierungsvermögen über die verengten Grenzen der Formeln und Farben unserer Parteien nicht hinausreicht.

Schwenger nutzt diese formidable Gelegenheit, uns mit Analogien zu unterhalten, die teils richtig, teils amüsant und gelegentlich auch danebenliegen. Wer sucht, der wird bei einem so bruch-reichen Leben wie dem Ernst Reuters immer Zitierwürdiges finden, was ihn aus heutiger Perspektive zum „Antiamerikaner“ oder zum grünen „Realo“ stempelt oder gar zum frühen Mahner vor den Umtrieben einer „Neuen Heimat“, wenn er etwa gallig bemerkt: „Wir haben Planungen vorgenommen und gefördert, die sich einer sozialistischen Phraseologie befleißigten und im Grunde nichts anderes waren als Mittel zur Planung von furchtbaren Zerstörungen.“

Von einer „wechselhaften Lebensgeschichte“ zu sprechen, ist sicher nicht übertrieben, wenn man sich die ideologisch, geographisch und auch beruflich so unterschiedlichen Standorte anschaut, die Reuters Leben geprägt haben. Lehrer wollte der aus streng protestantischem Elternhaus stammende Ostfriese Ernst Reuter nach seinem Abitur in Leer werden. Das Studium der Germanistik, Geschichte und Geographie in Marburg sollte diesen Weg ebnen. Aber nach einem nur „genügenden“ Examensabschluß wird er Hauslehrer und Mitarbeiter der sozialdemokratischen Volkswacht in Bielefeld. Der Einfluß des „Kathedersozialisten“ Hermann Cohen zeigt Früchte.

Im Weltkrieg verläßt er endgültig den bürgerlichen Lebenspfad, wird Vorsitzender eines internationalen Kriegsgefangenenkomitees zur Unterstützung der russischen Revolution und schließlich leibhaftiger Sowjetkommissar im Gebiet der Wolgadeutschen Kommunisten bei Saratow. Den Höhepunkt seiner Karriere als Berufsrevolutionär erreicht er im Sommer 1921, als ihn die Genossen zum Generalsekretär der KPD wählten. Nach einer Zwischenstation bei der USPD wird der „Suchende“ schließlich Sozialdemokrat.

„Das fiese Berlin“, wie er noch 1913 über die ungeliebte Reichshauptstadt mäkelte, wird für ihn der Ort, wo er zu seiner eigentlichen Lebensaufgabe findet, der Kommunalpolitik. Als Stadtrat für Verkehr gründet er 1928 die Berliner Verkehrsbetriebe BVG. Die Magdeburger wählen ihn 1931 zu ihrem Oberbürgermeister, und im Juli 1932 schickt ihn seine Partei in den Reichstag. Die weiteren Lebensstationen sind zugleich Leidensstationen: KZ-Haft und schließlich Exil. Als Hochschullehrer für Kommunalpolitik ist er den Türken ein willkommener Immigrant.