Von Wolf Schäfer

Der „Samuelson“ war in die Jahre gekommen. Elf amerikanische und sieben deutsche Auflagen sowie mehrere Millionen Exemplare in aller Welt (übersetzt in mehr als ein Dutzend Sprachen) wiesen das zweibändige Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre von Paul A. Samuelson bis Anfang der achtziger Jahre als internationalen Renner unter den Lehrbüchern aus.

Aber dann begann der Lack zu bröckeln, und Samuelsons Einführung geriet in die Reifephase ihres Produktzyklus. In dieser Phase muß ein Produkt renoviert werden, damit es den differenzierten Ansprüchen der Nachfrager noch gerecht werden kann. Paul A. Samuelson, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat dies getan, indem er mit William D. Nordhaus von der Universität Yale einen sehr renommierten Professorenkollegen der jüngeren Generation zum Ko-Autor gemacht hat. So ist nunmehr mit

  • Paul A. Samuelson, William D. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie. Zwei Bände, achte, grundlegend überarbeitete deutsche Auflage, Bund-Verlag, Köln 1987; Bd. 1: 480 Seiten, Bd. 2: 680 Seiten, je 98,– DM

in einer Neuübersetzung die achte deutsche (zwölfte amerikanische) Auflage der berühmten Einführung erschienen. Sie stellt wohl die seit dem Publikationsjahr der ersten Auflage (1948) umfassendste Neubearbeitung dar. Auch der neue „Samuelson/Nordhaus“ ist so geschrieben, wie man das von deutschen – im Gegensatz zu amerikanischen – Lehrbüchern nur selten kennt: Spannung geht vor Langeweile.

Inhaltlich grundlegend neu konzipiert ist vor allem der makroökonomische Teil. Samuelsons bisherigen Analyserahmen war hier arg angestaubt, weil er im Kern kaum mehr als den traditionellen Keynesianismus der antizyklischen Fiskalpolitik umspannte. Mit der Einführung des modernen Konzepts gesamtwirtschaftlicher Angebots- und Nachfragefunktionen können die neuen Ko-Autoren nunmehr verschiedene Theorieschulen methodisch integrieren: Keynesianer, Klassiker, Monetaristen, Angebotstheoretiker und Vertreter der Schule der rationalen Erwartungen passen in einen einzigen analytischen Rahmen – wenn man nicht zu hohe Ansprüche an die Differenziertheit der jeweiligen Schulen stellt.

Doch Samuelson und Nordhaus wären keine Keynesianer, wenn sie nicht die Monetaristen und deren Theorien wie eine heiße Kartoffel anfaßten. Das ist ihr gutes Recht, aber übertriebene intellektuelle Bescheidenheit schimmert nicht durch, wenn sie ihren eigenen Standpunkt kurzerhand und durchgängig als „die herrschende Lehrmeinung“ klassifizieren. Stimmt es denn tatsächlich, daß der Keynesianismus als die „moderne Wirtschaftslehre“ identifiziert werden kann, die „der Welt einen Anstieg des Lebensstandards beschert hat, wie ihn die Geschichte nie zuvor erlebt hat“?