Igorj Konstantinowitsch Pantin: In unserem Land macht man sich Sorgen, wie die perestrojka gesichert, wie ihr Erfolg garantiert werden kann. Bedenklich ist vor allem, daß Gorbatschows perestrojka in der sowjetischen Realität ganz widersprüchlich gedeutet wird. Natürlich unterstützt die Mehrheit die Reformen, aber wir haben uns vor allem mit den Hindernissen auf dem Weg der perestrojka beschäftigt und auch damit, daß bestimmte Schichten unserer Gesellschaft lieber zu ihrem bequemen, eintönigen Leben zurückkehren würden.

Die Menschen waren bereit, alles Mögliche zu ertragen: Bestechlichkeit, Wucher, Strebertum, Diebstahl. Sie beanstanden aber die Sozialausgaben, die jede größere Umgestaltung unvermeidlich begleiten. Und genau das wollen die Feinde der perestrojka ausspielen, die zur Zeit zwar in den Hintergrund getreten sind, aber dort auf ihre Stunde warten.

Wilja Gdaliwitsch Geljbras: Die perestrojka wurde mit allen Garantien versehen. Geht es jetzt nicht vielmehr darum, daß jeder mit vollem Einsatz seine Arbeit tut?

Pantin: Die ‚Geschichte hat noch nie Garantien, geliefert. Wir haben uns angewöhnt, allzu überzeugt in die Zukunft zu schreiten, als wäre alles sicher und könnte gar nicht anders sein.

Leonid Abramowitsch Gordon: Wir brauchen Garantien, aber es ist gefährlich, sich darauf zu verlassen. Wir müssen gefährlich, etwas darauf tun! Es zeigt Wir schon jetzt, daß die reaktionären Kräfte, wie die Gruppe „Pamjat“, besser organisiert und einsatzbereiter sind als die Befürworter der Demokratisierung.

Geljbras: Wenn wir nicht heute genau definieren, was echter Sozialismus ist, werden wir nach rechts oder links abweichen. Wir müssen ergründen, warum einige wichtige Ideen des Marxismus bei uns ignoriert werden. Wie können wir im Namen des Marxismus handeln, wenn wir seine Grundlagen verletzen?

Ich bin sicher: Es gibt keine Garantien und es wird so lange keine geben, wie Gesellschaft und Partei sich nicht vollständig über sämtliche Gründe im klaren sind, die zum Personenkult und zur nachfolgenden Stagnation geführt haben. In einem der Vorworte zum „Kapital“ hat Marx gesagt: „Wir leiden nicht nur unter den Lebenden, sondern auch unter den Toten.“ Ehe wir die Lehren der Vergangenheit nicht begriffen haben, entkommen wir unseren Toten nicht. Vor allem brauchen wir Garantien gegen eine ganze Reihe vererbbarer Krankheiten, um noch einmal Marx zu zitieren.