Von Peter Grubbe

Kambodscha ist, ähnlich wie Afghanistan, ein besetztes Land. Kambodschas Besatzer sind allerdings nicht die Sowjets, sondern die mit ihnen verbündeten Vietnamesen. Die Forderung nach einem Abzug der Besatzungstruppen aus dem früheren französischen Protektorat gehört jedoch ebenfalls zum offiziellen Forderungskatalog des Westens. Daß sie leiser ertönt als der Ruf nach Freiheit für Afghanistan, liegt nicht nur an der räumlichen Entfernung des Landes von Europa, sondern auch an den Gründen seiner Besetzung. Bis zum Einmarsch der Vietnamesen 1979 regierten in Kambodscha die „Roten Khmer“, ursprünglich eine kommunistische Untergrundbewegung, die in den vier Jahren ihrer Regierungszeit etwa ein Drittel der kambodschanischen Bevölkerung umbrachten. Von der überwiegenden Mehrheit der Überlebenden wurden die einrückenden Vietnamesen daher zunächst als Befreier begrüßt.

Was nach dem Sieg der Roten Khmer über den von den USA unterstützten General Lon Nol zwischen 1975 und 1979 in Kambodscha geschehen war, blieb der Weltöffentlichkeit lange verborgen. Journalisten, Ärzte, Angehörige von Hilfsgruppen, die nach der Vertreibung der Roten Khmer ins Land kamen, konnten nur berichten, was sie dort vorfanden: Massengräber, Schädelstätten, Folterlager, ein Volk ohne Ärzte und Lehrer, ohne Handwerker und Ingenieure. Wie es dazu kam, schildert der Kambodschaner Pin Yathay jetzt in einem zutiefst erschütternden Buch.

Pin Yathay ist Ingenieur. Nach einem Studium in Montreal in Kanada wurde er Beamter im kambodschanischen Ministerium für Öffentliche Arbeiten, zuerst unter Prinz Sihanouk, der sein Land im Vietnamkrieg neutral hielt, dann unter General Lon Nol, der Sihanouk mit Hilfe Washingtons stürzte und das Land auf einen proamerikanischen Kurs führte, bis die Roten Khmer ihn nach dem Abzug der Amerikaner aus Vietnam 1975 verjagten.

Nach dem Einmarsch der Roten Khmer im April 1975 mußte der Autor wie alle übrigen Einwohner Pnom Penh verlassen. Die Bevölkerung der Hauptstadt wurde bis auf den letzten Bewohner evakuiert. Ein Strom von über einer Million Menschen wurde auf das Land getrieben. Mit ihnen zog Pin Yathay mit seiner Frau und drei kleinen Kindern, mit seinen Eltern, Schwiegereltern, Geschwistern, Neffen und Nichten, Vettern, Onkel und Tanten. Zwei Jahre und zwei Monate später, im Juni 1977 erreicht er nach einem wochenlangen Marsch durch den Dschungel Thailand. Allein. Der Rest seiner Familie ist tot oder verschollen.

Was ihnen in diesen zwei Jahren geschah, schilden er in seinem Buch: Die Umladung der aus der Hauptstadt Vertriebenen von Autos auf Ochsenkarren, den Verlust ihres Fahrrades und fast des gesamten Gepäcks, endlose Fußmärsche mit kleinen Kindern und alten Leuten, das spurlose Verschwinden einzelner, die eine Uhr besessen oder ein unvorsichtiges Wort geäußert hatten, in Begleitung bewaffneter Wächter „im Wald“. Die Errichtung von „Wohnlagern“ im Dschungel. Die Krankenhäuser, in denen die Menschen starben, weil es keine Medikamente und kaum etwas zu essen gab. Die systematische Dezimierung der Bevölkerung.

Der Autor gebraucht keine großen Worte. Er beschimpft niemanden und klagt auch nicht an. Sondern er zeichnet nur auf, was er sieht, was er hört, was ihm und seiner Familie widerfährt. Er schildert nicht, wie Menschen erschlagen werden, weil das stets „im Wald“, also im Verborgenen geschieht.