Schiitische Luftpiraten versuchten durch die Entführung einer Linienmaschine siebzehn Gesinnungsgenossen aus kuwaitischen Gefängnissen freizupressen. Kaltblütig ermordeten sie zwei Geiseln.

Schickt einen Sarg und eine Ambulanz“, sagten die Luftpiraten über Funk. „Wir brauchen Treibstoff, sonst bekommt ihr noch mehr solche Geschenke.“ Kühl und geschäftsmäßig meldeten sie ihren ersten Geiselmord – vier Tage nach Beginn der Flugzeugentführung. Den Körper des Opfers warfen sie wie ein Stück Abfall auf das Rollfeld des Flughafens in Larnaca.

Der Ermordete, ein Offizier des kuwaitischen Grenzschutzes, befand sich auf dem Heimflug von Bangkok, als die Boeing 747 mit 112 Personen an Bord in die Gewalt der Entführer geriet. Eine gute Stunde später setzte der Jumbo-Jet der Kuwait Airways auf dem Flughafen der iranischen Stadt Mashad auf.

Erst am Nachmittag dieses fünften April gaben die Luftpiraten ihre Forderung bekannt. Sie verlangten die Freilassung von siebzehn radikal-schiitischen Gefängnisinsassen, die in Kuwait langjährige Haftstrafen verbüßen, weil sie im Dezember 1983 eine ganze Serie von Bombenanschlägen verübt haben.

Kuwait wies die Forderung der Luftpiraten kategorisch zurück, obwohl die Täter zuvor 24 weibliche Geiseln freigegeben hatten. Kurze Zeit später ließen die Entführer weitere 32 Geiseln frei. Nach Darstellung von Radio Teheran und der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Irna begann nun ein Nervenkrieg zwischen den Entführern und den iranischen Unterhändlern. Die Luftpiraten drohten die Maschine in die Luft zu jagen, falls sie nicht aufgetankt werde. Der Iran lehnte dies zunächst ab, schließlich aber wurde das Flugzeug startklar gemacht.

Mit rund fünfzig Geiseln an Bord der Boeing 747 flogen die Luftpiraten einige Stunden später davon. Zuvor hatte der stellvertretende iranische Ministerpräsident Moayeri Kuwait scharf kritisiert. „Kuwait“, so sagte er, „scheint die Angelegenheit nicht ernst genug zu nehmen und wenig Wert auf das Leben seiner eigenen Bürger zu legen.“ Damit war das ursprünglich bekundete Einvernehmen zwischen Teheran und Kuwait bei der Handhabung der Geiselaffäre nicht mehr gegeben. Der Vorwurf gegen Kuwait stützte den Eindruck vieler Beobachter, daß im Iran gewisse Kreise durchaus Sympathie für die Forderung der Luftpiraten hegten. Jedenfalls hat Teheran die Entführer gegen den ausdrücklichen Wunsch der kuwaitischen Regierung abfliegen lassen.

Der Abflug der Luftpiraten befreite den Iran aus einer verzwickten Lage. Denn die Täter sind nicht nur Anhänger der islamischen Revolution, sie erheben zudem eine Forderung, die auch von offiziellen iranischen Stellen schon wiederholt bekräftigt worden ist. Aus Miliz-Kreisen in Beirut war durchgesickert, die Luftpiraten seien Aktivisten von Hisbollah, der proiranischen Partei Gottes, in deren Gewalt sich über zwanzig verschleppte Ausländer befinden. Die Kidnapper in Beirut wie die Geiselnehmer an Bord der gekaperten Maschine sollen zum Teil mit einigen der Häftlinge in Kuwait verwandt oder befreundet sein.