Gesellschaftskritische Literatur hat sich immer wieder der Maske vergangener Epochen bedient und den historischen Roman als Medium genutzt, um die jeweilige Gegenwart zu analysieren und Zensurmaßnahmen zu unterlaufen. Ein interessantes, wenig bekanntes Beispiel dafür ist Boleslaw Prus’ Roman „Pharao“ (rororo Jahrhundert Nr. 28, 24,80 DM).

Der polnische Schriftsteller (1847-1912) hatte sich 1863 am erfolglosen Aufstand gegen die zaristische Fremdherrschaft beteiligt – eine Erfahrung, die seine literarische Produktion nachhaltig politisiert hat. „Pharao“ erinnert zwar auf den ersten Blick an die Archäologen- und Professorenromane des neunzehnten Jahrhunderts, die, wie etwa Felix Dahns „Ein Kampf um Rom“, lediglich retuchierende und geschönte Illustrationen von Geschichte waren. Aber Prus griff auf den utopischen Staatsroman in der Tradition von Morus, Bacon oder Campanella zurück und verband deren Geschichtsphilosophie mit einer Handlung, die im elften Jahrhundert v. Chr. in Ägypten spielt. Das Scheitern der Reformversuche des Pharao Ramses dient als Folie für eine Kritik der zaristischen Herrschaft über Polen, wobei Prus auch ein kulturhistorisch genaues, spannendes und farbiges Panorama des klassischen Ägypten gelang.

Als Schlüsselwerk eines inneren Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime gilt bis heute Werner Bergengruens Roman „Der Großtyrann und das Gericht“, der erstmals 1935 erschien. Auch der Klappentext der Taschenbuchausgabe (dtv 10815, 12,80 DM) behauptet, dieser historische Roman, der einen Kriminalfall in einer oberitalienischen Renaissance-Tyrannis erzählt, sei „als Parabel gegen die Diktatur verstanden“ worden. Diese Einschätzung dürfte ein durchaus absichtsvolles Mißverständnis sein, begeisterte sich doch ausgerechnet der Völkische Beobachter bei Erscheinen des Buchs: „Das ist der Führerroman der Renaissancezeit!“ Die erzkatholische, schrecklich gut gemeinte, historisierende Camouflage erwies sich als völlig ungeeignet, das faschistische Herrschaftssystem anzugreifen, geschweige denn, zum Widerstand aufzurufen.

Wirkungsvoller, auch ästhetisch überzeugender, hat sich die deutsche Exilliteratur der dreißiger und vierziger Jahre des historischen Romans als Instrument politischer Kritik bedient. Aus der Not, vom gesellschaftlichen Kontext in der Heimat ausgeschlossen zu sein, entwickelten manche Autoren eine Tugend, indem sie auf geschichtliche Stoffe zurückgriffen und damit das heruntergekommene Genre des historischen Romans neu belebten. Neben Lion Feuchtwanger ist hier besonders Heinrich Mann zu nennen, dessen zweiteiliger, monumentaler Roman „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ (1935) und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ (1938) den Höhepunkt eines literarischen Antifaschismus’ im Medium des historischen Romans bildet (rororo Jahrhundert Nr. 17/18, 22,80 DM und 24,80 DM; Erstausgabe 1956). In der Entwicklungsgeschichte des „guten Königs“ werden historische Ereignisse absichtsvoll, doch nie gewaltsam, mit dem faschistischen Terror in Deutschland parallelisiert: Hinter den historischen Masken mancher Figuren erkennt man etwa die Fratzen Hitlers und Goebbels’. In der Affäre Henris mit Gabriele d’Estrees enthält das Werk eine der schönsten Liebesgeschichten unserer Literatur, doch ist es vor allem ein großer Appell an Humanität und Vernunft: „An der Art, wie er sich dem Throne näherte, hat er der Welt begreiflich gemacht, daß man stark sein und dabei doch menschlich bleiben kann und daß man Königreiche verteidigt, indem man schlichthin die gesunde Vernunft verteidigt.“

In Heinrich Manns Roman spielt das Toleranzedikt von Nantes, das 1598 den Hugenotten Glaubensfreiheit garantierte, eine zentrale Rolle. Als Ludwig XIV. das Edikt wieder aufhob, kam es Anfang des achtzehnten Jahrhunderts zu brutalen Zwangskatholisierungen, aus denen sich ein blutiger Religionskrieg entwickelte. Diese Ereignisse griff 1826 Ludwig Tieck, „der König der Romantik“, in seinem Roman „Der Aufruhr in den Cevennen“ auf (rororo Jahrhundert Nr. 6, 14,80 DM). Tiecks Kunstgriff war es, die Glaubensspaltung als Vater-Sohn-Konflikt zu thematisieren, und obwohl das Buch Elemente romantisch-greller Abenteuerliteratur enthält, war es doch wesentlich auch eine Kritik an den damaligen deutschen Verhältnissen, am Bruch des Verfassungsversprechens der Fürsten.

Der eigentliche „Erfinder“ des modernen, historischen Romans war der Schotte Walter Scott, dessen Werke realistisches Erzählen mit der geschichtlichen Dimension verknüpften. Scott wußte und zeigte, daß neue gesellschaftliche Entwicklungen nur bestanden werden können, wenn man sie als Resultat historischer Veränderungen begreift. Geschichte erscheint bei Scott als lebendiger, die Gegenwart strukturierender Prozeß. Im Jahr 1818 behandelte er in dem Roman „Das Herz von Midlothian“ (rororo Jahrhundert Nr. 19, 24,80 DM; deutsche EA 1955) zwar einen Justizskandal des Jahres 1736, der höchst kunstvoll mit einer komplizierten Liebesgeschichte und einem Kriminalfall verflochten wird, doch ging es Scott vordringlich um die politische Problematik zwischen Schottland und England. Er deutete die Zerschlagung der alten schottischen Clansordnung zwar als fortschrittlich, weil ökonomisch notwendig, kritisiertejedoch den damit einhergehenden Verlust kultureller und menschlicher Identität.

Leo Perutz, den Friedrich Torberg einmal „das Ergebnis eines literarischen Fehltritts von Franz Kafka mit Agatha Christie“ genannt hat, erlebt zur Zeit eine erstaunliche Renaissance. Als erster Band einer Taschenbuchedition seines umfangreichen Gesamtwerks liegt nun der historische Roman „Die dritte Kugel“ vor (rororo 12198, 9,80 DM; EA 1915/1978). Er erzählt von der Eroberung Mexikos durch den spanischen Abenteurer Cortez, gegen dessen skrupellose Vernichtung der aztekischen Kultur eine Gruppe deutscher Auswanderer ankämpft. Bei Perutz ist die historische Kulisse in der Tat „nur“ Kulisse. Der Roman zielt eher in phantastisch-mystische Dimensionen als auf exakte Rekonstruktion historischer Prozesse. Aber die Freiheit im Umgang mit den Fakten ist bei Perutz produktiv und dient zum Aufbau einer hinreißend spannenden Handlung. Das ist ernstzunehmende Abenteuerliteratur at it’s best.