Können Enzyme oder Viren die Alzheimersche Krankheit auslösen?

Von Annelies Furtmayr-Schuh

Mir bleibt genug. Mir bleibt Vernunft und Liebe“, sagte Goethe mit 75 Jahren. Er behielt seine geistige Kraft bis ins hohe Alter – wie die meisten Betagten. Doch etwa fünf Prozent aller über 65jährigen büßen ihre Hirnleistung ein, leiden an Seniler Demenz. In der Altersgruppe der 85jährigen ist sogar jeder vierte betroffen. „Wir haben diesen Verfall bislang als altersgegeben hingenommen“, bekannte Heinz Häfner, Direktor des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit, Ende März auf einem Seminar, das die Firma Bayer im Ahrtal abhielt.

Doch Altern ist nicht gleichzusetzen mit dem Verlust der geistigen Fähigkeiten. Wenn Knochen, Gelenke und Sinnesorgane längst Abnutzungs- oder Ausfallerscheinungen zeigen, ist das Gehirn oft noch zu Höchstleistungen fähig. „Der Blick des Verstandes fängt erst an, scharf zu werden, wenn der Blick der Augen an Schärfe verliert“, erkannte schon Platon.

Herbert Haug von der Universität Lübeck verwundert das nicht. Denn die Nervenzellen im Gehirn erneuern sich nicht, sie leben länger als die Zellen anderer Organe. Und „von einem nennenswerten Verlust an Nervenzellen, wie allenthalben angenommen wird, kann nicht die Rede sein“, erklärte der Anatomieprofessor. Das gelte allerdings nur, solange die Nervenzellen gut versorgt sind. Mangel an Sauerstoff oder ein starkes Defizit an Glukose, etwa durch zu viel blutzuckersenkendes Insulin, können die grauen Zellen unwiederbringlich absterben lassen.

Haug und seine Mitarbeiter haben die Zahl der Nervenzellen in 150 Gehirnen verschiedenen Alters bestimmt und dabei festgestellt, daß sie meist zwischen zehn und zwanzig Milliarden liegt. Obwohl Frauen ein etwas kleineres und bis zu 150 Gramm leichteres Gehirn aufweisen, besitzen sie die gleiche Anzahl an Nervenzellen wie Männer. Alterserscheinungen entdeckten die Forscher erst an 65jährigen und älteren Gehirnen. Vor allem Hirnrindenbereiche, die im Alter oft weniger gefordert werden, schrumpfen in ihrem Volumen, weil die Nervenzellen dort kleiner werden. Aber auch die Zahl der Synapsen, der Verknüpfungen der Zellen untereinander, nimmt ab.

Der für psychosoziale Aufgaben zuständige Stirnlappenbereich der Hirnrinde über dem Auge verlor im Durchschnitt ab dem 65. Lebensjahr 13 Prozent seines Volumens, und die Synapsenzahl war oft drastisch vermindert. Auch im motorischen Bereich des Stirnhirns, dort wo die „Bewegungen entworfen werden“, entdeckte der Lübecker Anatom ähnliche Veränderungen. Häufig hatten die motorischen Nervenzellen sogar mehr als ein Drittel ihrer Größe eingebüßt.