Von Michael Haller

Im Vorgarten des Gästehauses der Kampfpartei. Hezb-i-Islami stehen Streubomben, Brandbomben und nicht explodierte Raketen mit kyrillischer Aufschrift. Es sind Mitbringsel der Widerstandskämpfer, die von ihren Einsätzen gegen die Sowjets in Afghanistan nach Peschawar zurückkehren, die pakistanische Grenzstadt, in der die Widerstandsparteien ihre Hauptquartiere eingerichtet haben.

Eine Mudjaheddin-Wache tastet die Besucher nach Waffen ab, eine andere steht breitbeinig daneben, die Kalaschnikow im Anschlag. Am Ende des Flures stehen im Halbdunkel einige Mudjaheddin und beten leise murmelnd. Die große Holztür geht auf. Ein Mann mit einem mächtigen schwarzen Turban auf dem Kopf verabschiedet eine Gruppe Kommandanten. Seine Augen scheinen halbgeschlossen, wirken schläfrig, doch ihr Blick – ist durchdringend, fast stechend. Sein hochgerecktes Kinn verschwindet im üppig wuchernden Vollbart. Gulbuddin Hekmatyar ist der Führer der sieben afghanischen Widerstandsparteien und jetzt auch Chef der soeben gebildeten Exilregierung.

Ein Bruderkuß, dann schlüpfen die Männer wortlos in ihre vor der Tür abgestellten Sandalen und verschwinden. Zwei weitere Leibwächter, auch sie mit Kalaschnikows bewaffnet, stehen hinter dem Vorhang und beobachten die Abschiedsszene. Parteichef Hekmatyar, der selbst als nicht besonders zimperlich bei der Beseitigung hinderlicher Männer gilt, hat allen Grund zur Vorsicht: Im vergangenen Jahr wurde sein Geländewagen in der Kolonne per Fernzündung in die Luft gejagt, er selber saß zufällig in einem anderen Auto. „Vorsehung“, weiß einer seiner Untergebenen, denn Hekmatyar habe für den Islam noch vieles zu tun.

Hekmatyar, obwohl erst 39jährig, steht seit zwanzig Jahren in der Dschirga, im „Heiligen Krieg“ gegen die Gottlosen. 1968 gründete der damalige Student der Ingenieurwissenschaften an der Kabuler Universität die militante Muslim-Jugendorganisation. Schon bald wurden dieser Gruppe Anschläge, auch Mord an einem Kommunisten, zur Last gelegt. Hekmatyar verschwand im Untergrund und zog eine paramilitärische Organisation auf, die 1974 einen Putsch gegen das Daud-Regime in der Provinz Paktia versuchte, aber kläglich scheiterte. Hunderte seiner Anhänger wurden verfolgt und viele hingerichtet. Hekmatyar gelang mit einigen Getreuen die Flucht nach Pakistan. Dann, nach dem kommunistischen Staatsstreich in Kabul 1978, zog Hekmatyar im Exil in Peschawar seine Kampfpartei Hezb-i-Islami auf – mit finanzieller und militärischer Hilfe aus dem Westen und mit wohlwollender Unterstützung des pakistanischen Staatschefs Zia ul-Haq. Seither gilt seine Organisation als die schlagkräftigste, aber auch als die mit Abstand brutalste der afghanischen Widerstandsgruppen.

„Ein Drittel des gesamten Korans beherrscht Hekmatyar auswendig“, flüstert einer seiner Untertanen, „er ist auch ein genialer Schriftgelehrter.“ Tatsächlich läßt Hekmatyar seine Exegesen in Broschüren drucken und an seine Untergebenen zur Pflichtlektüre verteilen. Alles ist darauf angelegt, Hekmatyar als sunnitische Führerpersönlichkeit zu verherrlichen. Denn im Unterschied zu den Ajatollahs der Schiiten gilt solche Führerschaft unter den Sunniten nicht als gottgewollt, sondern kommt aus dem Anspruch der charismatischen Persönlichkeit.

Noch vor wenigen Monaten schien es, als habe der militante Paschtune unter den sieben Führern der in Peschawar stationierten Widerstandsparteien an Einfluß verloren. Die pro-westlich eingestellten, verhandlungswilligen Parteichefs, allen voran der Aristokrat und frühere Großgrundbesitzer Pir Ahmad Gilani, gaben den Ton an. Sie unterstützten die Genfer Verhandlungen und hofften, den in Rom im Exil lebenden einstigen König Sahir Schah als Integrationsfigur zurückholen und mit dem Kabuler Regime eine Übergangsregierung bilden zu können. In zwei Jahren, so ihr Kalkül, hätten sie dann den von Moskau gestützten Präsidenten Nadjibullah aus der Koalition gedrängt und die uralte afghanische Stammesordnung mit ihren Ältestenräten wieder aufgebaut.