Ich verleihe grundsätzlich nichts“ – eine kühne Antwort auf eine harmlose Frage, Die Abfuhr löst beim Brüskierten nicht nur Bitterkeit aus, sondern auch eine Spur von Neid: Pedant, denkt er, was kann diesen Menschen nur so weit getrieben haben? Aber auch: Woher nimmt der die Kraft, die edlen, hilfreichen und guten Handlungen anderen zu überlassen und seinen Hausrat zu verteidigen? Wohl aus der Erfahrung, daß Verliehenes grundsätzlich nicht von allein wiederauftaucht. „Leihen“ kommt von relinquere, zurücklassen, und das ist es eben.

Wer eine Bohrmaschine, einen Regenschirm oder ein Buch verliehen hat, darf selten auf automatische Rückgabe hoffen. Im Gegenteil: er wird selbst zum Bittsteller, und ohne Anreiz geht gleich gar nichts.

Er wird den Säumenden erst beiläufig erinnern, dann sachlich mahnen; er wird die nonchalanten Hinweise, daß er besagten Gegenstand im Moment ja gar nicht brauche, mit ein wenig Einfallsreichtum zu korrigieren wissen; er wird seinen Besuch ankündigen mit der Bitte, das gute Stück bereitzuhalten (das dann gerade an diesem Tag angeblich noch ein letztes Mal benötigt wird; er wird in weiteren Telephonaten, die immer nur er in dieser Angelegenheit führt, erfahren, daß der verliehene Gegenstand inzwischen anderweitig verliehen, gerade in Reparatur oder ganz einfach „verschwunden“ sei. Er wird zugeben, daß ihm eigentlich nichts daran liege, ja, an dem Ding ihm nie etwas gelegen habe, für Ersatz längst gesorgt sei und ihn der Verbleib seiner Leihgabe nur noch theoretisch interessiere. Er lädt zum Abendessen ein – mit der heiteren Bemerkung, die Bohrmaschine/den Regenschirm/das Buch vielleicht gleich mitzubringen? Nachdem geklärt ist, um was für eine Bohrmaschine in aller Welt es sich denn handele, liegt sie nach einem Jährchen tatsächlich auf dem Tisch: zwar auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen, doch wer griffe jetzt nicht zu?

Speziell bei Büchern läßt die Rückgabe ja nur deshalb lange auf sich warten, weil der Säumende zur Lektüre nie die rechte Zeit gefunden hat. Nur ein Zwangscharakter kann von ihm verlangen, das Buch am Ende schweren Herzens und so gut wie ungelesen wieder auszuhändigen. Dennoch sieht das Buch nach der Übergabe aus, als ob es ein ständiger Begleiter gewesen wäre. Überflüssig zu erwähnen, daß die eigenen Bestände des Schuldigen sämtlich makellos in dessen Regalen stehen, ohne Eselsohren als Seitenmarkierung, ohne schlackernde Buchrücken, ohne Flecken und unerklärliche Krallenspuren. Beata Berta