Lehre

Lehre hat 3600 Einwohner und liegt im niedersächsischen Schuntertal in der Nähe von Braunschweig. Die Zeit ist auch dort nicht stehengeblieben. 1100 Jahre Lehre – das soll in diesem Sommer groß gefeiert werden. Und damit die Jahrhunderte im Schuntertal nicht in Vergessenheit geraten, hat der Gemeinderat eine Chronik schreiben lassen.

Seit Februar liegt das Werk vor, und seitdem gibt es Ärger. Schuld ist ein kleines Kapitel (drei Seiten von 336), das es in sich hat: „Die Zeit zwischen den Weltkriegen“ von 1918 bis 1945. Dort steht zum Beispiel: „Dem Heil Dir im Siegerkranz der Kaiserzeit mag nach dem verlorenen 1. Weltkrieg eine übertriebene Demokratisierungswelle gefolgt sein, die wiederum zu Auswüchsen führte.“ Über die Nationalsozialisten ist zu lesen: „Mag auch gelegentlich Übereifer zu Tage getreten sein, so haben sie doch versucht, Dinge für Lehre in Gang zu setzen, die zuvor im Argen lagen. Unter den Begriffen Volksgemeinschaft, soziale Gerechtigkeit, Ordnung, Sauberkeit, Deutschtum u.a. sahen auch sie ihre Idealvorstellungen genannt.“

In einem Waldstück nahe Lehre zeugen noch Gebäude von diesem „gelegentlichen Übereifer“. Im Zweiten Weltkrieg gehörten sie zu einer Heeresmunitionsanstalt. Zwangsarbeiter waren dort in ein Barackenlager eingesperrt, bewacht von der Wehrmacht. Die Ortschronik berichtet darüber so: „Hier wohnten neben Angehörigen des weiblichen Arbeitsdienstes auch angeworbene Ausländer.“ Über das Ende des Krieges heißt es: „1945 vollzog sich abermals ein Wandel. Die Siegermächte hatten beschlossen, ein ganzes Volk umzuerziehen. Bei sich selbst haben sie es größtenteils vergessen.“

Autor der Chronik ist der Ortsheimatpfleger Kurt Gottschalk, 61 Jahre alt, in Schlesien geboren. In 1600 Exemplaren wurde sein Werk gedruckt; 10 000 Mark gab die Gemeinde dafür.

„Das darf doch nicht die offizielle Chronik unseres Dorfes sein!“ beschwert sich nun der alternative Ratsherr Uwe Otte. Er fordert eine neue Chronik, die ein Historiker schreiben müsse. Die Vertreter von CDU, SPD und FDP im Gemeinderat verstehen diese Forderung nicht. Die Gemeinde stehe fest auf dem Boden des Grundgesetzes und der Demokratie – so haben sie es im Rat noch einmal beschlossen. Von den kritisierten „Formulierungen und Wertungen“ distanzieren sie sich, ohne daß die Schrift jedoch verändert würde. Die CDU-Bürgermeisterin Ingeborg Winkler findet sogar: „Sicher ist das Kapitel über die NS-Zeit etwas kurz ausgefallen. Aber es war hier so, wie in vielen anderen Dörfern auch: nichts Bewegendes.“ Hinrich Lührssen