Von Sibylle Thelen

Der Gebetsruf des Muezzins reißt mich aus den Federn. Als sei’s der Segen für den anbrechenden Tag, kommt Leben ins Dorf, kaum daß das Gebet aus dem Schalltrichter verhallt ist. Noch wirft der Vollmond sein kühles Licht in die Kammer. Tief atme ich Naphtalin ein, das in Schwaden den Bettdecken entströmt, und lausche: Dielen knarren, unruhig scharren die Kühe im Stall unter meinem Zimmer, nebenan wimmert ein Kind leise ins Kissen. Fremde Geräusche.

Mein erster Tag im türkischen Dorf beginnt früh. Es ist 4.30 Uhr. Gerade zwölf Stunden ist es her, da hatte ich Istanbul verlassen, saß im Auto und fuhr von Yalova in Richtung Bursa, das Tosen des Istanbuler Verkehrs, das Geschrei der fliegenden Händler im Ohr. An einer unauffälligen Abzweigung, an der ein Weg in Serpentinen steil den Berg hinaufführt, hat mein Abenteuer gestern begonnen: der einwöchige Besuch in Yeniköy, zu deutsch „Neues Dorf“. Während draußen das milde Morgenlicht die Landschaft in milchige Farben taucht, läuft ein bunter Film vor meinen Augen ab – meine Ankunft gestern abend.

Plötzlich, nach einer scharfen Biegung: Yeniköy. Die Häuser hingewürfelt, klein und bunt wie Bausteinchen mit ziegelroten Giebeldächern, der große Klotz – die Moschee. Dazwischen recken sich silbrig glänzende Pappeln in den Himmel. Zwei Leitungskabel kreuzen meinen Weg – sie allein verbinden das einzige Telephon in Yeniköy mit der weiten Welt. Auch Gespräche aus Deutschland soll man schon empfangen haben.

Arif und seine Frau Hatice samt ihrer vier Mädchen – meine Gastfamilie – erwarten mich. „Hoş geldin“ – herzlich willkommen. Hatice reicht mir ihre Hand, die schwielig von der Feld arbeit ist, gibt mir einen Kuß, drückt mich mütterlich mit all ihrer Leibesfülle aufs Sofa und nickt mir aufmunternd zu. Hatice trägt eine rosa Strickweste, einen roten Nylonpulli, geblümte Pumphosen, grobgestrickte Strümpfe. Schmächtig schaut Arif neben ihr aus. Doch das Wort führt er.

Lauttönend fragt er mich, ob mir die Türkei gefalle. Ja, sage ich. Und Yeniköy? Das kenne ich noch nicht. Prompt rattert er Fakten herunter, froh, sein Wissen beweisen zu können: 600 Einwohner, 80 Häuser, eine Schule, eine Moschee, ein Telephon, ein Auto, 1000 Hühner, 500 Schafe, 150 Kühe. „Das ist ein armes Dorf“, ruft er und schaut mich durchdringend an, als wolle er sagen: Mach dich auf etwas gefaßt. Yeniköy, das ist nicht wie in Deutschland.

Die Abendsonne strahlt über das Dorf. Im Tal breitet sich kühler Dunst aus, es wird feucht, als Arif und Hatice mir den Hof zeigen: zwei Kühe, ein Esel, Hühner, die Vorratskammer mit Weizen, Gerste und Mais in prallen Säcken. Eine Vorratskammer von Selbstversorgern. Die einzige Einnahmequelle der Familie ist der Verkauf der Olivenernte und der Tagelohn, den Arif bei Gelegenheitsarbeiten für reichere Bauern erhält. Die Familie wirtschaftet mit vier Mark täglich, genug, um zehn Brote oder vier Tafeln Schokolade zu kaufen. Beim Rundgang über den Hof zeigt mir Hatice auch das Klo. Von dort aus kann ich durch die Ritzen der Brettertür die Hühner im Hof beobachten und in der Ferne das Marmarameer wie ein Paillettentuch glitzern sehen.