Naturfreund Grasmann, dieser Stadtmensch, der seine Wochen in einem Wohnblock verbringt, hatte es endlich wissen wollen: Vor einem Jahr kaufte er sich ein Häuschen im Grünen, für die Wochenenden. Doch Ruhe und Frieden hat Grasmann draußen nicht gefunden, denn er hat gesündigt gegen den Geist der Feriensiedlung. Erschöpft legt Grasmann jetzt ein Bekenntnis ab. Eine Selbstanklage, zu befestigen am Schwarzen Brett der Gemeinschaftsanlage:

Ich bekenne, daß ich die unverzeihliche Sünde begangen habe, ein Stückchen Grasland hinter meinem Haus nicht gründlich zu bearbeiten, in der irrigen Annahme, alles Grün dürfe so wachsen und gedeihen, wie es der liebe Gott (oder wer auch immer) geschaffen hat. Aber wer nicht mäht, der geht, sagen die Nachbarn.

Ich bekenne, daß ich wegen der oben genannten Sünde zu keiner Stunde meinen musikalischen Part in der brummenden und summenden Symphonie der Rasenmäher geleistet habe. Vogelgezwitscher kann, Rasenmähermusik muß sein.

Ich bekenne, daß ich im vergangenen Sommer auf meinem Stückchen Grünland acht Löwenzahnpflanzen wachsen und blühen ließ. Nur meine Enkelin war entzückt von den schönen Blumen, die Nachbarn registrierten dieses kleine Wunder mit Abscheu, und sie knüpften erste Vermutungen an diesen nie geschauten Vorgang: kein Rasenmäher, blühende Butterblumen – ein unordentlicher, fauler Mensch.

Ich bekenne, mit einer ganz normalen Handsäge aufs Land gezogen zu sein. Doch rundherum feiert die Technik Triumphe, heulen die Motorsägen, fallen krachend die Bäume. Einer ruft’s dem anderen zu: Arm ist er auch, der Ärmste. Kein Rasenmäher, keine Motorsäge – haben wir uns da einen Asozialen eingehandelt?

Ich bekenne, daß meine Frau und ich im Herbst so naiv waren, uns über ein paar Pilze auf dem eigenen Grundstück zu freuen, drei Rotfußröhrlinge, vier Kahle Kremplinge und eine Handvoll Maronen. Und es war nun wirklich unfreundlich von uns, die wohlmeinende Hilfe der Nachbarin verschmäht zu haben, die uns sofort eine Sprayflasche mit „Pilz-Ex“ anbot. Unsere Verweigerung dieses Dienstes an der Umwelt wiegt schwer, da wir vorher schon einmal einen hochwirksamen Ameisenvernichtungssaft dankend abgelehnt hatten. Wir waren also selber schuld, in die Nähe von Chaoten gerückt zu werden.

Ich bekenne, daß ich auf den herbstlichen Laubfall nicht richtig reagiert habe. Liegenlassen, sich an dem bunten, raschelnden Teppich erfreuen, ihn irgendwann einmal zusammenharken und zur Kompostbildung häufeln – nichts da! Täglich muß „dieser Dreck“, diese „schlimmste Herbstplage“ zusammengekratzt und verbrannt werden. Und eine Lärche, die ihre feinen goldgelben Nadeln auf dem Rasen verstreut, wird abgesägt. Nie hätte ich offen sagen dürfen, daß ich Butterblumen, lange Gräser und welkes Herbstlaub liebe. Und mit der lästerlichen Bemerkung vom „Rasenwahn“ habe ich mir letzte Sympathien verscherzt. Spätestens im nächsten Jahr, beim Wettbewerb um das schönste Grundstück (alle Vernichtungsmittel sind zugelassen), werde ich zur Strecke gebracht.