Die Zelle Nummer 15 des Gefängnisses in Paris-Frenet ist mit vier Häftlingen vollends überfüllt. Steffen Wernéry muß auf dem Boden schlafen. „Die Wärter“, schreibt der 26jährige Computerexperte und Journalist aus Hamburg an Freunde, „behandeln uns wie den letzten Dreck.“ Das Essen aus der Anstaltsküche ist ungenießbar, also bastelte Wernéry zusammen mit seinen des Drogenhandels beschuldigten Zellengenossen einen kleinen Herd. Was Technik anbelangt, war Wernéry schon immer ein interessierter und findiger Zeitgenosse – und seine Begeisterung für modernste High-Tech war es auch, die ihn in seine mißliche Lage gebracht hat.

Der zuständige Untersuchungsrichter wirft ihm Diebstahl und Sachbeschädigung vor, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Er soll vielmehr in Computer der französischen Niederlassung des Multis Philips unbefugt eingedrungen sein und dort Daten verändert haben. Seit dem 14. März sitzt er bereits in Paris in Untersuchungshaft, ein Ende ist nicht abzusehen. Da es bisher nicht einmal die leisesten Indizien dafür gibt, daß Wernery ein elektronischer Einbrecher ist, wird ihm inzwischen Anstiftung und Mitwisserschaft vorgeworfen.

Daß ihn französische Ermittlungsbehörden im Visier haben, wußte Steffen Wernéry seit dem 29. September vergangenen Jahres. An diesem Tag wurde bei dem Vorstandsmitglied des Chaos Computer Clubs (CCC) ebenso unerwarteter wie unerwünschter Besuch vorstellig: ein Hamburger Staatsanwalt, Spezialisten des Bundeskriminalamtes für Bekämpfung von Computer-Kriminalität sowie französische Kriminalpolizisten im Schlepptau des Pariser Untersuchungsrichters Daniel Fontanaud. Die fünfzehn Ermittler, die sich in Wernerys Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Eppendorf buchstäblich auf die Füße traten, präsentierten ihm einen Durchsuchungsbeschluß.

Der verblüffte Wernéry erfuhr daraus, daß er und weitere CCC-Mitglieder im Verdacht stünden, sowohl im europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf als auch bei der französischen Zentrale des holländischen Multis Philips unbefugt in Computer eingedrungen zu sein. Wernéry ist einer der Computerbegeisterten, die in den Vereinigten Staaten seit langem „Hacker“ heißen. Da sie bei ihren „Datenreisen“ durch die internationalen Computernetze auch gerne in fremde Rechner schauen, sind sie in Gefahr, mit Computerkriminellen, die sich elektronisch bereichern, gleichgesetzt zu werden. Der Hintergrund dafür: Seit Anfang vergangenen Jahres das Gesetz zur Bekämpfung der Computer- und Wirtschaftskriminalität in Kraft trat, kann das unbefugte Eindringen in fremde Rechner sowie die Manipulation oder Zerstörung von Daten mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden.

Gleichwohl erregte die großangelegte Razzia unter Kennern der deutschen Hackerszene großes Erstaunen. Steffen Wernéry ist nämlich der Bildschirmtext-Experte seines Clubs, und als solcher war er in den vergangenen Jahren vollauf damit beschäftigt, die Programme für den Btx-Dienst des CCC zu entwickeln. Dies gelang ihm so gut, daß der Hacker-Club von der Bundespost bereits für das beste Btx-Programm ausgezeichnet wurde. „Hacken“, so erklärten seine Freunde und Kollegen, „kann Steffen doch gar nicht.“

Die Ermittler waren auch offensichtlich aus ganz anderen Gründen auf Steffen Wernéry gekommen: Er ist bekannt aus Funk und Fernsehen, zusammen mit „Doktor Wau“, alias Herwart Moritz-Holland, hat er wiederholt Sicherheitslücken von Computersystemen enthüllt. Ein Blick in das Vereinsregister zeigt zudem, daß er Vorstandsmitglied des 1981 gegründeten Chaos Computer Club e. V. ist.

Wernery war es auch, der im September vergangenen Jahres einen der bislang spektakulärsten Coups von Hackern der Öffentlichkeit präsentierte, den „Nasa-Hack“ (ausführlich nachzulesen im Dossier der ZEIT Nr. 44 vom 23. Oktober 1987).